Der schwarze Kennedy

Kurz vor Ende der Vorwahlen der US-Demokraten hat Barack Obama die Mehrheit der gewählten Delegierten erreicht, 1654 von 3253. Er ist somit, demokratisch legitimiert, aber noch nicht offiziell, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten.

Christian Schwarz
Drucken
Teilen
Löst Begeisterung aus: Barack Obama begrüsst Anhänger in Des Moines im US-Bundesstaat Iowa. (Bild: Quelle)

Löst Begeisterung aus: Barack Obama begrüsst Anhänger in Des Moines im US-Bundesstaat Iowa. (Bild: Quelle)

Die amerikanischen Demokraten haben einen langen und aussergewöhnlichen Vorwahlkampf geführt. Grund dafür ist die ausserordentliche Konstellation: Die Partei hat die Chance, die erste Frau oder den ersten Schwarzen ins Präsidentenamt zu bringen. Doch bis zuletzt konnte sich weder Hillary Clinton noch Barack Obama unangefochten an die Spitze des Rennens setzen.

Keine Reise war Barack Obama in der Kampagne zu weit, keine Mühe zu gross, keine Frage-und-Antwort-Stunde zu lang. Eichhörnchenstrategie nannte sich dieses von Obamas Wahlrechtsexperten Jeffrey Berman ausgedachte Vorgehen: fleissige Feldarbeit, unermüdlich jedes Körnchen sammeln.

Seine Auftritte glichen jenen von Popstars, perfekt inszeniert, Hillary Clintons Kampagne über weite Strecken dagegen einem Volkshochschulseminar. Er ist ein Wohlfühl-Sweetie, sie eine Problemlösungs-Buchhalterin. Obama präsentierte eine neue Familie, an ihrer Seite stand der altbekannte Affären-Präsident Bill – was überdies bedeutete: Eine weitere Vertreterin jener beiden Dynastien, die Amerika seit zwei Jahrzehnten regieren, die Bushs und die Clintons, zieht im Fall ihrer Wahl an die Staatsspitze. Keine erbauliche Aussicht.

Fehleinschätzungen Clintons

Als wollte Hillary Clinton alle Fragen zu ihrer Person gar nicht erst aufkommen lassen, legte sie zu praktisch jedem Thema einen Mehr-Punkte-Lösungsplan vor. Dabei wies sie auch immer auf ihre langjährige Erfahrung in den Washingtoner Entscheidungszentren hin. Mit einem Mal, als der Ölpreis, nicht aber ihre Delegiertenzahl, stieg und stieg, verlegte sie sich dann auf eine populistische Linie und sprach sich dafür aus, die Benzinsteuer während der Ferienzeit auszusetzen.

Was auch immer Hillary Clinton vorschlug, sie blieb letztlich erfolglos. Denn – laut «Time» ihr Hauptfehler – sie schätzte die Stimmung in diesen Vorwahlen falsch ein. Sie tat so, als trete sie zu ihrer Wiederwahl an, stellte also ihre Erfahrung in den Vordergrund, doch die Wählerschaft will gerade das nicht. Sie will «den Wechsel», wie Obamas Chefstratege David Axelrod von Anfang propagierte: Neues, Frisches.

Clinton lieferte die Sicherung des schon Bekannten, Obama versprach den Ausflug in eine optimistische Wunderwelt. Und er trug dies mit einem Enthusiasmus vor, dem sich keiner entziehen konnte, der ihm zuhörte. Clinton dagegen verharrte in belehrenden, mahnenden, oft auch aggressiven Tönen. Aber die Wählerschaft dürstet nicht nach Moral, sie will nach den Terrorängsten, den Irak-Kriegsjahren und den Jahren der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich endlich wieder Unmögliches möglich machen. Fast so wie es einige 1968 in Europa wollten…

Die Amerikaner wollen, zumindest derzeit, aufbrechen, nicht bewahren.

Obama wirkt so gesehen als Erlöser von den dunklen Bush-Jahren, als Brückenbauer in eine erfreuliche Zukunft. Gleichzeitig erlaubt er mit seinen wattierten Phrasen über den Wandel jedem, das dahinter zu sehen, was er sich gerade wünscht. «In den Plastik-Obama», so schrieb «Le Monde», «kann jeder den Präsidenten hineinprojizieren, den er für ideal hält; die Zukunft, von der er träumt; das Amerika, das er liebt.»

Obama bot sachlich weniger als Clinton, aber emotional bedeutend mehr.

Falsch ist das aus Wahlmanager-Sicht nicht, aber offen ist, ob es den spitzen Anfechtungen durch den republikanischen Kämpen John McCain standhalten wird. Sachfragen werden im Hauptwahlkampf noch aufs Tapet kommen und konkrete Antworten erheischen. Der Irak-Konflikt wird nicht im Wolkenkuckucksheim beendet und die beginnende Rezession, Hauptsorge der US-Bürger, lässt sich nicht mit Sehnsuchtsmelodien bekämpfen.

«Dritte Bush-Amtszeit»?

Wird es auch im Hauptwahlkampf um eine Auseinandersetzung «neu kontra erfahren» gehen? Für den Neuen, für Barack Obama, spricht, dass laut Umfragen 68 Prozent der Befragten mit ihrer Lage unzufrieden sind und drei Viertel der Ansicht sind, das Land sei «auf dem falschen Weg». Nur etwa ein Drittel wünscht sich erneut einen Republikaner im Weissen Haus. Und viele denken, McCain bringe lediglich eine «dritte Bush-Amtszeit».

Doch Obama wird eher früher als später mit der Rassenproblematik konfrontiert werden. Sowohl in West Virginia wie auch in Kentucky sagten ein Fünftel bis ein Viertel der weissen demokratischen Vorwähler, sie wollten keinen schwarzen Präsidenten.

Es könnte sein, dass am Wahltag im November den Ausschlag geben wird, wie viele Demokraten, vor allem in den seit je matchentscheidenden Staaten Ohio, Pennsylvania und Florida, McCain wählen und wie viele konservative Republikaner aus ideologischer Enttäuschung nicht wählen werden.

Aktuelle Nachrichten