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Der Schock hält an

Vor einem Jahr haben zwei schwere Erdbeben Nepal erschüttert. Die internationale Hilfe kämpft in der jungen Bergrepublik mit schwierigen Bedingungen.
Walter Brehm (text)) und Benjamin Manser (fotos)
Ein Nepalese schleppt Steine als Baumaterial über steile Hänge des Kathmandutals. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Ein Nepalese schleppt Steine als Baumaterial über steile Hänge des Kathmandutals. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Kathmandu – der Name hat Klang. Die Stadt auch. Ein ständiges Hupen in einem scheinbar unendlichen Strom aus Fahrzeugen: Autos, Lastwagen, Busse, Taxis – und dazwischen Tausende Motorräder. Das politische und wirtschaftliche Zentrum Nepals ist ein Verkehrsmoloch. Wer sich zu Fuss oder auf dem Motorrad bewegt, trägt eine Gesichtsmaske, um in der Wolke aus Abgasen und Staub freier atmen zu können. 1,7 Millionen Einwohner hat die Hauptstadt offiziell. Gefühlt sind es mindestens doppelt so viele. Seit den beiden grossen Erdbeben vor einem Jahr sind Zehntausende Nepalesen aus allen Provinzen in die Stadt gezogen.

Kaum fassbares Leid

Am 25. April 2015 bebt die Erde in Nepal. Wenige Minuten, aber ein Schock der bis heute anhält – 7,8 Stärke auf der nach oben offenen Magnitude-Skala. In Stadt und Land brechen Häuser zusammen, blühende Täler werden durch Schlamm- und Gerölllawinen zu Massengräbern. Das Epizentrum des Bebens liegt 81 Kilometer nordwestlich von Kathmandu. Zu spüren ist es aber bis nach Indien, Pakistan und Bangladesh. Am 12. Mai folgt ein zweites Beben. Mit 7,3 Punkten ist es nur wenig schwächer als das erste. Erneut gibt es Todesopfer und mindestens 2000 Verletzte. Und die Erde bebt noch immer. Das vorerst letzte Nachbeben mit einer Stärke von 4,7 scheucht am Abend des 9. April dieses Jahres die Bewohner von Kathmandu aus ihren Häusern. Obwohl es keine grösseren Schäden gibt, übernachten viele im Freien.

Zahlen können das Leid kaum erfassen. Acht von fast 25 Millionen Nepalesen sind von den beiden Hauptbeben betroffen. 2,8 Millionen von ihnen sind auf humanitäre Nothilfe angewiesen – brauchen Essen, Wasser, Schutz und medizinische Versorgung. Fast 9000 Menschen kommen bei den Beben um. Das grösste Elend in dem bergigen Land, das bis zu den Achttausender-Gipfeln im Himalaja reicht, herrscht ausserhalb der Städte. Mehr als eine Million Menschen leben zudem in hart betroffenen, schwer zugänglichen Bergregionen. Zu ihnen führen nur Fusswege oder Zugangsstrassen, die verschüttet sind.

Rasche Nothilfe

Fährt man ein Jahr nach den grossen Beben mit dem Auto aus der Hauptstadt durch das enge Kathmandutal in Richtung Nordosten in den Distrikt Dolakha, erliegt man leicht einer schönen Täuschung. In den steil abfallenden Hängen links und rechts der noch guten Strasse leuchten helle Flecken – blinken wie am Berg verstreute Diamanten. Doch fährt man von der Talstrasse ab in einen der Berghänge, wird nicht nur die Piste immer prekärer, bis sie einem steinigen Bachbett ähnlicher ist als einer Strasse. Und die blinkenden Diamanten sind jetzt als Dächer aus Wellblech über Notunterkünften von hier lebenden Erdbebenopfern zu erkennen. Holz- oder Blechbaracken, windschief oft nur mit Blachen notdürftig isoliert. Wohnraum für Zehntausende – einen Winter und inzwischen ein Jahr nach der Katastrophe. Immerhin, überlebt haben sie – auch mit der Nothilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), ermöglicht durch Spenden aus der Sammlung der Glückskette. Und durch den Einsatz auch von vielen Helfern. Das SRK hat in der Phase der Nothilfe in den Distrikten Sindhupalchok und Dolakha Kliniken des Norwegischen und Deutschen Roten Kreuzes mit Hebammen, Pflegefachfrauen, Ärztinnen und Ärzten unterstützt. Bis Ende Juni vergangenen Jahres wurden dort 6138 Patientinnen und Patienten behandelt – und das Leben geht weiter: In der gleichen Zeit kamen in den Kliniken 34 Babies zur Welt.

Mutter tot, Kind gerettet

Aber soll das Leben für die Neugeborenen und ihre Eltern wirklich weitergehen, ist mehr nötig als Nothilfe. In ganz Nepal sind in den Beben 602 257 Häuser ganz zerstört und weitere 285 100 schwer beschädigt worden. Landesweit fehlen zudem fast 31 000 zerstörte oder beschädigte Klassenzimmer in Schulen.

Hinter diesen Zahlen stehen aber in grösste Not geratene Menschen. Tek Barandur Thani (23) erzählt: «Am 12. Mai vergangenen Jahres war meine ebenfalls 23jährige Frau Yolah mit unserer neun Monate alten Tochter Manta auf dem Rücken bei der Arbeit auf unseren Terrassenfeldern. Ich war im Dorf bei der Arbeit. Das Beben hat in dem steilen Hang darüber eine Gerölllawine ausgelöst. Sie hat Yolah und das Kind getrennt. Meine Frau wurde erschlagen. Stunden später habe ich aber meine Tochter verletzt bergen können.»

Jetzt steht der junge Vater mit seiner Tochter und einem dreijährigen Sohn allein da. Mit seinen Eltern lebt er in einer selbstgebauten Notunterkunft neben seinem zerstörten Haus. Tagsüber arbeitet er an einem Musterhaus des Wiederaufbauprogramms des Roten Kreuzes mit.

Das Bauprogramm

11 000 erdbebensichere Häuser plant die Rot-Kreuz-Bewegung im Wiederaufbau in ganz Nepal. 2000 davon im Distrikt Dolakha das SRK in Kooperation mit der Österreichischen Rotkreuzgesellschaft (ÖRK). Doch so prompt wie es mit der Nothilfe der erfahrenen Helfer beider Rotkreuzgesellschaften geklappt hat, wird es mit dem Bauprojekt für sichere Häuser nicht gehen. Der Amtsschimmel wiehert und bockt. Dazu sagt Max Santner, Chef der Delegation der Internationalen Föderation der Rotkreuzgesellschaften: «Seit nunmehr einem Jahr debattieren wir mit der nepalesischen Regierung über die Bedingungen für das Wiederaufbauprogramm. Es ist ein schwieriger Prozess.»

Wahrlich müssen die Verhandler gute Nerven und viel Verständnis für die politische Lage Nepals haben. «Die ehemalige Monarchie ist nach einem langen Bürgerkrieg erst seit Mai 2008 eine Republik. Das lange extrem zentralistisch regierte und von wenigen mächtigen Familien beherrschte Land ist noch immer auf der Suche nach einer stabilen politischen und stärker föderalen Neuordnung», sagt Santner. Seit dem Sturz des Königs ist es mehreren Regierungen in wechselnder Zusammensetzung bisher aber nicht gelungen, die Republik wirklich zu stabilisieren. Und schwache Regierungen sind schwierige Verhandlungspartner.

Politische Hürden

Am liebsten, so scheint es, hätte es die Regierung in Kathmandu, wenn die internationalen Hilfsorganisatoren einfach das weltweit gesammelte Geld überwiesen und den Wiederaufbau ihr überliesse. Darauf wollen sich aber die Helfer nicht einlassen – gerade wegen der fehlenden Stabilität des Landes, aber auch wegen der nach wie vor grassierenden Korruption. So müssen internationale Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie das Rote Kreuz mit den Behörden in Kathmandu darüber feilschen, wer was unter welchen Bedingungen tun darf.

Doch die Machtfrage zwischen der Regierung und den NGO ist nicht die einzige Hürde, die es zu überwinden gilt. So hat die Regierung mit einer neuen Wiederaufbaubehörde auch in den eigenen Reihen Widerstand ausgelöst – etwa von Ministerien, die Teile ihrer Kompetenzen dieser neuen Behörde abzutreten haben. Hinzu kommt, dass Nepal wohl so dringend wie andere Drittwelt-Länder eine Bodenreform benötigte. Denn hier stossen die Helfer an eine weitere Hürde. Das Anrecht auf ein neues Haus müssen die vom Beben betroffenen Familien nachweisen – unter anderem mit einem gültigen Landtitel. Doch viele Betroffene haben eine solchen nicht – oder er ist im Chaos nach den Beben verloren gegangen.

Das alles strapaziert nicht nur die Nerven der Helfer, sondern auch deren Budget. Es stellt sich zum Beispiel die Frage: Muss noch einmal Winterhilfe für die in Notunterkünften ausharrenden Erdbebenopfer garantiert werden, und wenn ja, aus welchen Kassen?

Und es bewegt sich doch

Aus der Ferne liesse sich wohl leicht sagen: Soll die Regierung in Kathmandu doch zum Wiederaufbau entscheiden, was sie will. Aber sie soll diesen selber verantworten und bezahlen. Doch dies ist keine Option für die Rotkreuz-Helfer. Sie fühlen sich den Zehntausenden wohnungslosen Nepalesen verpflichtet. Denn letztlich geht es nicht um den Bau neuer Häuser durch fremde Bauherren. Das Programm von SRK und ÖRK will die Partizipation der Betroffenen. Sie sollen ihr neues Haus nach ihrer Tradition – aber mit erdbebensicherer Bautechnik – selber bauen. Und in diesem Punkt ist seit einem Jahr nicht einfach nichts passiert. In Ausbildungskursen wurden lokale Handwerker mit der neuen Bautechnik vertraut gemacht. Sie haben gelernt, mit stabilen Eckkonstruktionen und mit horizontalen und vertikalen Verstrebungen die Statik eines Baus zu erhöhen.

Künftig soll beim Bau eines jeden Hauses ein so ausgebildeter Handwerker dabei sein. Um die Kosten (Marktwert etwa 7000 Franken) möglichst niedrig zu halten, sollen unter ihrer Anleitung nicht vor allem angestellte Arbeiter, sondern die Familie und die Dorfbevölkerung die Hauptarbeit am Bau leisten. Das Baumaterial (Steine und Mörtel) muss weitgehend nicht gekauft werden, sondern ist aus dem Schutt der zerstörten Häuser zu beschaffen. Nur das Holz muss wohl zumindest teilweise aus anderen Landesteilen beschafft werden, da der regionale Wald in den steilen Hängen auch eine wichtige Schutzfunktion hat. Es geht aber nicht nur um Kostenreduktion, sondern auch um Kostenkontrolle.

Der Beitrag des SRK/ÖRK, etwa 2000 Franken an jedes Haus, wird den Bauenden nicht tel quel ausbezahlt, sondern in Etappen: eine erste Tranche zum Bau des Fundaments. Nach dessen Fertigstellung folgt die nächste Tranche für eine weitere definierte Bauetappe (Mauern). Dieses System wird bis zur Fertigstellung des Hauses beibehalten und so garantiert, dass bezahlt wird, was auch gebaut wird – im Bestreben, dass die Bauenden ihr Haus auch als ihre neue Heimat und nicht als Almosen wahrnehmen.

Nepal und Ecuador – nicht vergessen

Bhirkot ist eines der Dörfer im Distrikt Dolakha, in dem die Menschen auf den Beginn des Wiederaufbaus warten. Und ein Beispiel dafür, dass viele Menschen wohl für einen weiteren Winter auf Überlebenshilfe angewiesen sein werden. Yashoda K.C. (43) führt uns zu ihrer selbstgebauten Notunterkunft neben ihrem vom Beben zerstörten Haus. Die Mutter dreier Kinder hat sich in einem eher luftigen Flechtbau aus Weidenholz eingerichtet. Sie erzählt: «Der Winter war hart. Hier fällt zwar kaum Schnee, aber vor allem in den Nächten herrscht Frost. Ich war auf die Winterhilfe angewiesen.» Hundert Dollar (10000 Rupien) hat Yashoda, wie jede betroffene Familie im letzten Winter erhalten. Ich habe dafür Decken und für meine Kinder Winterkleidung gekauft, sagt sie. Alle drei sind dennoch krank geworden, hatten Fieber. Bedenkt man, dass es im Dorf zwar eine Krankenstation gibt, Medikamente aber bezahlt werden müssen, ist klar: 100 Dollar Winterhilfe sind kein Luxus.

Das Schicksal des jungen Vaters Tek, der im Beben seine Frau verloren, aber sein Tochter gerettet hat, und jenes von Yashoda sind zwei unter Zehntausenden. Diese Menschen sind es, um deren Willen die Rotkreuz-Helfer in den zähen Verhandlungen mit den nepalesischen Behörden nicht aufgeben. Ein Beben dauert höchstens Minuten – mit den Folgen müssen die Betroffenen über Jahre leben. In der vergangenen Woche hat Nepals Regierung im Prinzip den Wiederaufbauprogrammen der internationalen Hilfsorganisationen zugestimmt. Nicht zum ersten Mal, und die Details sind weiter unklar. Dennoch: Max Santner, der Delegierte der Rotkreuz-Föderation, sagt: «Ein Lichtblick, ich bin zuversichtlich, dass wir bauen können.»

Aber nach dem schweren Erdbeben vergangenes Wochenende in Ecuador ist klar, dass in unserer schnelllebigen Medienwelt eine Katastrophe, die sich vor einem Jahr ereignet hat, allzu leicht vergessen wird – in Nepal und auch in Ecuador.

Mehr Fotos: www.tagblatt.ch/bilder

Religiöse hinduistische Wandbilder in einem vom Beben zerstörtem Wohnhaus. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Religiöse hinduistische Wandbilder in einem vom Beben zerstörtem Wohnhaus. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Tek Barandur Thani mit seinem Sohn (vorne), seinen Eltern und der geretteten Tochter. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Tek Barandur Thani mit seinem Sohn (vorne), seinen Eltern und der geretteten Tochter. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Musterhaus aus dem Wiederaufbauprogramm, an dem auch das SRK beteiligt ist. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Musterhaus aus dem Wiederaufbauprogramm, an dem auch das SRK beteiligt ist. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Yashoda K.C. mit ihren Kindern in der nur im Sommer tauglichen Notunterkunft in Bhirkot. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Yashoda K.C. mit ihren Kindern in der nur im Sommer tauglichen Notunterkunft in Bhirkot. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Die Wellblechdächer vieler Notunterkünfte von Erdbebenopfer an den steilen Berghängen im Kathmandutal glitzern in der nepalesischen Mittagssonne. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

Die Wellblechdächer vieler Notunterkünfte von Erdbebenopfer an den steilen Berghängen im Kathmandutal glitzern in der nepalesischen Mittagssonne. (Bild: Benjamin Manser (SRK / Benjamin Manser))

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