Der «Schakal» beisst sich selbst

Top-Terrorist Carlos sitzt in Paris seit gestern auf der Anklagebank. Mit seinem revolutionären Gehabe macht er sich seine Prozesschancen selbst zunichte.

Stefan Brändle
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Carlos im Gerichtssaal. (Bild: ap)

Carlos im Gerichtssaal. (Bild: ap)

PARIS. Er lächelt wie immer, sucht mit dem Wachpersonal zu scherzen. In Jeans und mit weissem Bärtchen gleicht der 62jährige Venezolaner einem fröhlichen Rentner. Tatsächlich ist Illich Ramirez Sanchez alias «Carlos» nur froh, für einige Stunden der Zelle zu entkommen. Auf der Anklagebank schüttelt der einst meistgesuchte Terrorist die Faust. «Von Beruf Revolutionär», gibt er zum Prozessauftakt zu Protokoll.

Schon 30 Jahre her

«Der Schakal», wie ihn die Medien nannten, als sein Fahndungsfoto um die Welt ging, steht in Paris vor einem Spezialgericht aus richterlichen Geschworenen, weil er elf Menschen auf dem Gewissen haben soll. Sie starben 1982 und 1983 bei vier Anschlägen in Marseille, Paris und auf zwei Eisenbahnzüge. Carlos versuchte damit zwei Komplizen freizupressen – seine ehemalige Frau Magdalena Kopp und den Schweizer Bruno Bréguet. Letzterer ist seit 1995 unauffindbar, Kopp soll am Prozess aussagen.

Dass die Verhandlung erst jetzt stattfindet, hat mehrere Gründe. Carlos wurde erst 1995 vom französischen Geheimdienst in Sudan dingfest gemacht. Zwei Jahre später wurde ihm in Paris ein erster Prozess wegen Polizistenmordes gemacht. Seither versuchte seine Anwältin Isabelle Coutant-Peyre – die ihn inzwischen nach islamischem Recht geheiratet hat –, den eigentlichen Terrorismus-Prozess zu verhindern. Sogar ein Spielfilm mit dem Titel «Carlos, der Schakal» kam inzwischen in die Kinos.

Zynische Prahlereien

Zum Schluss war Carlos selber froh, endlich wieder ins Rampenlicht zu kommen. Der «grössenwahnsinnige Mörder», wie der DDR-Geheimdienst Stasi seinen Mitarbeiter nannte, hatte in den letzten Jahren jede Gelegenheit ergriffen, von sich reden zu machen. Noch zum Prozessauftakt sagte er der venezolanischen Zeitung «El Nacional», er habe mit seinen westlichen Gesinnungsgenossen sowie ostdeutschen und arabischen Agenten «über hundert Anschläge» ausgeführt – und zwar «sehr gut». In seinem revolutionären Kampf gegen «die Terroristen USA und Israel» habe er «wenige» Zivilisten auf dem Gewissen: «Ich habe gezählt, man kommt auf weniger als zehn Prozent, denn unter den 1500 bis 2000 Toten gab es nicht mehr als 200 zivile Opfer.»

Mit seinen zynischen Prahlereien erweist er sich einen schlechten Dienst. Dabei hätte er Argumente, um den Prozess formaljuristisch anzufechten: Seine Rückführung aus Sudan war wohl illegal, und wichtige Dokumente, auf denen seine Fingerabdrücke zu finden sein sollen, verschwanden während der Ermittlung.

Auch Schweizer Ermittlungen

Doch Sanchez bestreitet die Anschläge gar nicht erst. Die Geiselnahme von elf Opec-Ölministern in Wien 1975 steht in Paris nicht zur Debatte. Dafür sind drei Handlanger des «Schakals» angeklagt. Johannes Weinrich sitzt wegen eines Anschlags auf das Maison de France in Berlin 1983 in Deutschland in Haft und wird zum Prozess nicht ausgeliefert; Christa Fröhlich und der Palästinenser Ali Kamal Al Issawi sind untergetaucht. So hat Carlos, der gerne stundenlange Plädoyers hält, die Bühne ganz für sich.

Auch die Schweizer Bundesanwaltschaft – unter Carla Del Ponte – hat zwischen 1993 und 1995 gegen sieben mutmassliche Carlos-Komplizen ermittelt, darunter Bréguet. Die Verfahren wurden 2000 eingestellt, weil trotz Indizien das Belastungsmaterial nicht für eine Anklage ausreichte.