Der Rücktritt vom Rücktritt

Roms Bürgermeister Ignazio Marino hat es sich anders überlegt und gibt sein Amt doch nicht ab. Dafür laufen ihm jetzt die Stadträte davon.

Dominik Straub
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ROM. In Rom wird der 60jährige Ignazio Marino wegen seiner Weltfremdheit schon länger nur noch «il marziano», der Marsmensch, genannt. Und noch nie in seiner eineinhalbjährigen Amtszeit als Bürgermeister hat der Spitzname besser gepasst als in diesen Tagen. Vor gut zwei Wochen hatte Marino wegen einer Affäre um suspekte Spesenabrechnungen seinen Rücktritt angekündigt. Doch inzwischen hat er es sich wieder anders überlegt und will im Amt bleiben – obwohl die Staatsanwaltschaft wegen Amtsmissbrauchs ermittelt und er in seiner Partei, dem Partito Democratico (PD) von Regierungschef Matteo Renzi, jeden Rückhalt verloren hat.

Am schlechtesten regierte Stadt

Marinos Rücktritt vom Rücktritt stürzt Rom ins politische Chaos: Um seinen Verbleib im Amt zu vereiteln, ist inzwischen der grösste Teil der Stadträte zurückgetreten, und mehr als die Hälfte der Mitglieder des Stadtparlaments wollte dies gestern mit einem «Massenrücktritt» ebenfalls tun. Damit würden Neuwahlen fällig. Ob die Rücktritte in ausreichender Zahl tatsächlich erfolgen werden, war gestern noch nicht ganz klar; es scheint aber sehr wahrscheinlich. «Spätestens heute abend ist alles vorbei», sagte gestern einer der zurückgetretenen PD-Stadträte, Stefano Esposito. Mit seiner Verzweiflungstat hat Marino – ausser einem ungläubigen Kopfschütteln im ganzen Land – rein gar nichts bewirkt.

Rom gilt seit Jahren als die am schlechtesten regierte Stadt des Landes: Selbst Problemstädte wie Neapel und Palermo machen heute weniger Schlagzeilen mit Korruption und Mafia-Unterwanderung. Marino, der von den Affären unberührt geblieben war und bis zu seiner – eher harmlos wirkenden und zudem noch nicht bewiesenen – Spesenaffäre als Saubermann galt, ist sicher nicht der einzige Schuldige am Niedergang. Aber auch er konnte nicht sicherstellen, dass die Stadt wenigstens ihre elementarsten öffentlichen Aufgaben halbwegs erfüllt. Vor allem die Stadtreinigung, der Strassenunterhalt, der öffentliche Verkehr und die Kehrichtabfuhr spotten jeder Beschreibung.

Regierungschef Renzi ist am Chaos in Rom nicht unschuldig. Er hat monatelang so getan, als gingen ihn die Vorgänge dort nichts an; nun erleidet der von ihm geführte PD mit der Groteske um Marino den katastrophalsten Imageschaden seit langem. Bei den mit grosser Wahrscheinlichkeit im Frühjahr stattfindenden Neuwahlen in Rom gilt ein Sieg der Protestbewegung von Ex-Komiker Beppe Grillo inzwischen als fast unausweichlich. Der Verlust der Hauptstadt wäre für Renzis PD eine weitere Blamage – ganz abgesehen davon, dass nicht nur Renzi-Kritiker bezweifeln, dass es nach einem Wahlsieg der «Grillini» mit Rom wieder aufwärts ginge.

Bald beginnt das «Heilige Jahr»

Zur Unzeit kommt die Römer Farce auch, weil in wenigen Wochen das von Papst Franziskus ausgerufene «Heilige Jahr der Barmherzigkeit» beginnt. In der Ewigen Stadt werden 30 Millionen Pilger erwartet. Von den nötigen Infrastrukturmassnahmen ist noch nichts zu sehen: Es gibt weder ausgeschilderte Pilgerrouten noch Notunterkünfte, und ein Auftrag zur Ausbesserung der löchrigen Strassen musste vor kurzem gestoppt werden, weil bei der Ausschreibung Schmiergeld geflossen ist. Zwar kümmert sich nun Zivilschutzchef Franco Gabrielli um die Arbeiten, der wohl fähigste Krisenmanager des Landes, der schon die Bergung der «Costa Concordia» geleitet hatte. Doch auch ihm läuft die Zeit davon.