Der Pyrrhussieg des Julian Assange

Der Fall des Wikileaks-Gründers Julian Assange erzählt eine komplexe Geschichte: Sie handelt von Macht und Ohnmacht; von realen und selbsternannten Opfern; von Rechtsstaatlichkeit und dem wachsenden Misstrauen, diese werde unterlaufen. Es ist eine Geschichte über Grauzonen zwischen Medientransparenz und Verschwörungstheorie. Von Walter Brehm

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Assange-Sympathisant vor Ecuadors Botschaft in London. (Bild: ap/Sang Tan)

Assange-Sympathisant vor Ecuadors Botschaft in London. (Bild: ap/Sang Tan)

Eine Art sicherer Briefkasten sollte es sein – für brisante Dokumente, die von politischen, militärischen oder wirtschaftlichen Skandalen berichten und der Öffentlichkeit von Mächtigen aus gutem Grund vorenthalten werden sollten: Wikileaks machte Furore mit der Veröffentlichung Zehntausender solcher Dokumente, vor allem aus den Kriegen in Irak und Afghanistan.

Das Internet als Vehikel unterschlagener Nachrichten. Das kam an. Renommierte Medien von der «New York Times» bis zum Mailänder «Corriere della Sera» boten sich gerne als zusätzliche Plattform für tabulose Enthüllungen an. Es dauerte, bis der journalistische Anspruch von Wikileaks hinterfragt wurde – und es gereicht der Internet-Szene zu Ruhm, dass Kritik zuerst aus ihren Reihen kam.

Der Ritter und seine Opfer

Nicht nur die ständige Stilisierung des Wikileaks-Gründers Julian Assange zum furchtlosen Ritter in weisser Rüstung begann viele seiner Weggefährten zu stören.

Wichtiger war deren Erinnerung an das ursprüngliche Ziel: Grösstmögliche Öffentlichkeit für unliebsame Nachrichten zu schaffen, bei grösstmöglichem Schutz für die Informanten. Je mehr sich die Wikileaks-Enthüllungen zu einem Unternehmen «Julian Assange versus die USA» entwickelten, desto rücksichtsloser setzte sich der «mutige Rebell» darüber hinweg, dass seine Publikationen Opfer forderten: Freiwillige Informanten wie der US-Soldat Bradley Mannings konnten genauso wenig geschützt werden wie die Diplomaten, deren Kommunikation Wikileaks ohne Einwilligung enthüllte. Bradley Mannings, der mit Videos menschenverachtender amerikanischer Gewalt weltweites Aufsehen erregte, wurde zu dem, was Assange so gerne als sein Schicksal verkauft – zum Opfer amerikanischer Rache. Bradley Mannings erwarten Jahrzehnte in einem US-Gefängnis.

In Putins Diensten

Je mehr Weggefährten sich aus diesen Gründen von Assange abwandten, desto offensichtlicher wurde dessen eitle Fixierung auf die USA als Quelle allen Übels auf der Welt.

Während in Russland Oppositionelle schon eingesperrt wurden, weil sie gleichsam nach Assanges Vorbild unterdrückte Nachrichten publizierten, hielt es dieser noch für angebracht, sich dem russischen Staatssender «Russia Today» als Talkmaster anzudienen, der Politiker befragen durfte, deren wichtigste Qualifikation ihre Feindschaft gegenüber den USA war. So geriet ihm im Frühling dieses Jahres ein Gespräch mit Rafael Correa, dem Präsidenten Ecuadors, zum Gefälligkeitsinterview, bei dem die Zuschauer vergeblich auf kritische Fragen nach der desolaten Lage der Meinungsfreiheit in Ecuador warteten.

Dieses Wohlwollen dankt ihm Correa heute mit Asyl. Dass es so weit kam, hat aber wenig mit dunklen Mächten zu tun, von denen sich Assange verfolgt fühlt.

Wenn Privates öffentlich wird

Er stolperte über Privates, das zu Recht immer dann öffentlich wird, wenn der Verdacht entsteht, dass Grenzen überschritten wurden. Dies werfen Assange zwei Frauen in Schweden vor, die sich von ihm sexuell genötigt oder gar vergewaltigt fühlen. Ein Verdacht, der schnell zu Vorverurteilung und Zerstörung einer Karriere führen kann. Ein Verdacht, an dessen Ausräumung gerade deshalb jeder Unschuldige interessiert sein muss. Es sei denn, er will oder kann – wie Assange – die Anschuldigung nur als politische Hinterhältigkeit begreifen, seinen hehren Kampf um Wahrheit zu stoppen und ihn seinem Feind, die USA, auszuliefern. Dies behauptet Assange seit Monaten mit Verve.

Zwei Seiten einer Medaille

Der Skandal um Julian Assange aber ist nicht nur in dessen Egomanie begründet, sich als «einer gegen den Rest der Welt» zu stilisieren. Die schwedische Justiz hätte leicht die Möglichkeit zur Deeskalation nutzen können. Das britische Angebot lag vor, Assange in London zu vernehmen. Denn eines ist klar: Noch hat der Vorwurf der beiden schwedischen Frauen nicht zu einer Anklage geführt. Der internationale Haftbefehl wurde nur ausgestellt, um Assange einer Befragung zu den Anwürfen zuzuführen.

Dessen Vorwurf, Schweden wolle ihn der US-Justiz ausliefern, wäre mit einer Befragung in London so oder so entkräftet gewesen. Hätte sich der Vorwurf sexueller Verbrechen zur Anklage verdichtet, hätten ihm Prozess und allfällige Strafverbüssung in Schweden gedroht. Und ohne Anklage wäre seine Auslieferung an Schweden hinfällig geworden.

Gefangener der eigenen Rolle

Wer sich aber, wie Julian Assange, nur noch als Opfer einer politischen Vernichtungskampagne sehen kann, hält es für legitim, sich dem – britischen und schwedischen – Rechtsstaat prinzipiell zu widersetzen.

Assange gefällt sich in der Opferrolle so sehr, dass er auch hinnimmt, in dieser Rolle zum blossen Spielball politischer Machtkämpfe zu werden. Wenn sich britische Politiker nicht schämen, einem souveränen Staat mit der Aufhebung seiner diplomatischen Integrität zu drohen, dann fällt es Ecuador leicht, sich als Opfer neokolonialer Arroganz darzustellen. Das hat aber nichts mehr mit dem Schicksal der Person Julian Assange und mit dessen Enthüllungen echter oder vermeintlicher Skandale der Macht zu tun. Zwar steht Assange nun noch einmal im Scheinwerferlicht des internationalen Interesses. Doch dies ist ein Pyrrhussieg, der seine «Zelle» in der kleinen Etagen-Botschaft Ecuadors in London nicht lange erhellen wird.

Die Mächtigen spielen ihr Spiel längst ohne den Ritter wider die Mächtigen.

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