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Michel Houellebecq: der Prophet der «Gelbwesten»

Hat Michel Houellebecq nach den Terroranschlägen und dem Islamismus auch die Revolte der «Gelbwesten» vorhergesagt? In seinem neuen Roman wagt sich der Starautor an ein hochpolitisches Thema.
Stefan Brändle, Paris
Im Spätherbst erlebte Frankreich heftige Ausschreitungen im Zuge der Gelbwesten-Proteste. (Bild: Etienne Laurent/EPA (Paris, 1. Dezember 2018))

Im Spätherbst erlebte Frankreich heftige Ausschreitungen im Zuge der Gelbwesten-Proteste. (Bild: Etienne Laurent/EPA (Paris, 1. Dezember 2018))

Schreiben kann er teuflisch gut. Doch hat Michel Houellebecq, der preisgekrönte Skandalautor der französischen Literatur, auch seherische Qualitäten? 2001 schrieb er in «Plattform» über einen Terroranschlag auf ein fernöstliches Ferienparadies; ein Jahr später forderte ein Attentat in Bali mehr als 200 Menschenleben. 2015 erschien «Unterwerfung» über den Vormarsch der Islamisten in Frankreich – just am Tag vor dem Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo».

In seinem neuen Roman «Serotonin» beschreibt Houellebecq eine Verkehrsblockade, wie sie die «Gelbwesten» seit November inszenieren. Den Text des Buches hatte er schon im September abgeliefert und seither nicht mehr modifiziert. Damals sprach noch niemand von den «gilets jaunes».

Verelendung der Landbevölkerung

«Serotonin» beschreibt ausführlich, wie die französische Landbevölkerung verelendet. «Von Zeit zu Zeit schliessen sie eine Fabrik; sie verlegen eine Produktionseinheit, entlassen an die 70 Arbeiter.» Jedes Jahr gingen Hunderte von Landwirten bankrott, erzählt die Hauptfigur Florent-Claude in dem Roman. Auf der Normandie-Autobahn A13 sperrt eine Gruppe verzweifelter Landwirte die Fahrbahn in Richtung Paris. Bauern nehmen die CRS-Bereitschaftspolizei aufs Korn. Die gerät in Panik, schiesst scharf. Zehn Protestierende und ein Polizist lassen ihr Leben.

Houellebecq liegt nicht weit neben der Wirklichkeit: Während der Strassensperren der «gilets jaunes» sind bisher zehn Menschen gestorben. Auch wenn daran nicht die CRS schuld war, sondern meist Verkehrsunfälle, meint die Pariser Zeitung «Libération», Houellebecq habe die Ereignisse der letzten Woche «antizipiert, wenn nicht vorhergesagt». Die Radiostation «France-Info» nennt ihn einen Visionär, die Zeitschrift «Valeurs actuelles» spricht von einem «Houellebecq-Roman über das Frankreich der Gelbwesten». Auch «Le Figaro» sieht in dem 350-Seiten-Werk ein «Echo der Gelbwesten». Bloss: Kann das Echo dem Ereignis vorausgehen? Die Antwort ist im Fall des Michel Houellebecq weniger eindeutig, als es scheint.

Die Krise der «Gelbwesten» ist zwar im Herbst ausgebrochen; ihre Wurzeln hat sie aber in einem langsamen Niedergang, genauer gesagt in der Verarmung der unteren Mittelschicht an Frankreichs Stadträndern und auf dem Land. Deshalb ist es auch wenig erheblich, dass die «Gelbwesten» effektiv aus Gewerbetreibenden und kleinen Angestellten bestehen, kaum aber aus Landwirten: Es ist die gleiche Kernbevölkerung Frankreichs, es sind die gleichen Verlierer der Globalisierung, die wütend sind auf die Pariser Eliten, die Medien und auf Emmanuel Macron.

Houellebecqs «Riecher», wie ihn besagte Medien nennen, hat eine Erklärung: Bevor er zum Starautor avancierte, hatte er sich zum Diplomagronomen ausbilden lassen; danach lebte er in ­Irland und Andalusien, wo er die Agrarmisere Westeuropas kennen lernte. In «Serotonin» macht er dafür die Marktliberalisierung im Allgemeinen und die europäische Milchpreis-Direktive im Speziellen verantwortlich. Und selbst diese brutale Flurbereinigung mit Hofkonkursen und Selbstmorden werde keine Abhilfe schaffen, meint der 60-Jährige: «Wir werden dann nur die endgültige Niederlage erleiden, weil wir dann im direkten Kontakt mit dem Weltmarkt stehen und die globale Produktionsschlacht sicher nicht gewinnen.»

Widersprüche in den Politexkursen

Deprimierende Worte, wie üblich bei Houellebecq. Sein Spiegelbild Florent-Claude – selber Agronom – schluckt Antidepressiva mit dem «Glückshormon» Serotonin. Seine Tristesse ist die der Normandie: Dorthin flüchtet sich der Romanheld ganz unheroisch vor seiner sextollen japanischen Freundin Yuzu (während Hou­ellebecq im September real die Chinesin Lysis heiratete, als er seinen neusten Roman fertiggestellt hatte). Florent-Claude trinkt zu viel, er hasst die Schwulen und die Holländer und trauert einer verblichenen Liebe nach. Nicht einmal mehr Sex hilft ihm gegen die Depression.

Die französischen Kritiker feiern seinen neusten Streich als seinen traurigsten, teilweise auch als seinen besten. Dass Michel Houellebecq seine eigene Depression nicht von der Misere der «la France profonde» – des ländlichen Frankreichs – unterscheiden will oder kann, würde ihm niemand ankreiden: So war der «Nabelschauer» schon immer. Erstaunlicher ist, dass niemand die Widersprüche seiner Politexkurse in Romanform hervorhebt: So geisselt er die amerikanischen Agrarexporte, hält aber Donald Trump – der sich für diese Exporte stark macht – für «einen der besten US-Präsidenten», wie er Mitte Dezember sagte.

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