Der noch immer unerfüllte Traum

50 Jahre nach Martin Luther Kings «I have a dream»-Rede bleibt das Versprechen an die Nachfahren der Sklaven in Amerika uneingelöst. Schwarze fallen bei Vermögen, Einkommen, Bildung und Beschäftigung zurück. Vor allem das Strafrechtssystem zementiert Diskriminierung.

Thomas Spang
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WASHINGTON. John Lewis (73) hat die Leidenschaft nicht verloren, die ihn vor einem halben Jahrhundert auf den Stufen des Lincoln-Denkmals antrieb. «Wir wollen unsere Freiheit. Und wir wollen sie jetzt», forderte der schwarze Studentenführer damals vor etwa 250 000 Demonstranten. Schwarze, Weisse, Juden und Christen waren vereint unter der Statue des Präsidenten, der hundert Jahre vorher gleiche Rechte für alle Amerikaner versprochen hatte.

Mehr als 150 Kongressmitglieder standen damals in der Menge und viel Prominenz aus Hollywood. Burt Lancaster ebenso wie Charles Heston, Sidney Poitier und Hary Belafonte, Joan Baez und Bob Dylan. Höhepunkt an jenem heissen 28. August 1963 sollte die «I have a dream»-Rede von Pastor Martin Luther King werden, die in die Geschichtsbücher einging.

Eine Anzahlung auf Kings Traum

Wenn John Lewis, Sohn eines Baumwollpflückers aus Alabama, heute mit Barack Obama, dem ersten schwarzen US-Präsidenten, zum Lincoln-Denkmal zurückkehrt, kommt er als Augenzeuge, der die Geschichte des Ringens um Gleichheit wie kaum ein zweiter Lebender verkörpert. «Ich spüre so etwas wie eine Pflicht, hier zu sein», erklärt der Mitstreiter Kings, dem die Polizeischergen des rassistischen Gouverneurs von Alabama, George Wallace, bei einem Protestmarsch in Selma 1965 den Schädel einschlugen.

Der Kongressabgeordnete aus Georgia versteht sich als Botschafter gegen das Vergessen und als Störenfried schöner Feiertagsreden. Die Wahl Obamas markiert einen historischen Meilenstein, bleibt in seinen Augen aber nicht mehr als eine Anzahlung auf den amerikanischen Traum, von dem King so leidenschaftlich gesprochen hatte.

Eine Passage, die übrigens nicht im Originaltext stand. «Martin, erzähl ihnen von dem Traum», hatte ihm Gospelsängerin Jackson zugeraunt, die Kings Vision kannte. «Ich habe einen Traum», setzte der Baptisten-Prediger frei und ohne Manuskript an. «Dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.»

Diese Worte kennt jedes Schulkind in den USA. Nicht wenige Amerikaner feierten die Wahl Obamas ins Weisse Haus als Realisierung des Traums. Bürgerrechtsikone Lewis hält das für übertrieben. «Wir sind noch weit von einer post-ethnischen Gesellschaft entfernt», zieht er nüchtern Zwischenbilanz. «Der Rassismus bleibt tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt.» Allem voran im Strafrechtssystem.

Versteckter Rassismus

Für Lewis hat die Mahnung Kings, im Kampf niemals nachzulassen, «solange der Neger Opfer der unaussprechlichen Schrecken polizeilicher Brutalität ist», beklemmende Aktualität. Und das nicht nur wegen des Freispruchs George Zimmermans, der den 17jährigen Trayvon Martin ungestraft umbringen konnte, weil sogenannte «Stand-Your-Ground»-Gesetze dies möglich machten.

Während das Unrecht vor 50 Jahren mit Händen zu greifen war, versteckt es sich heute hinter einer Strafrechtsordnung, der Michelle Alexander mit ihrem Bestseller «The New Jim Crow» die Maske wegriss. Die Professorin an der Ohio State University beschreibt, wie viele der Diskriminierungen durch die Hintertür wieder zurückkamen. Getarnt als «Krieg gegen Drogen», der in den 80er-Jahren die Grundlage für die massenhafte Internierung von Schwarzen schuf. Heute findet sich in den Armenvierteln Washingtons kaum ein schwarzer Mann, der noch nie im Gefängnis sass. Laut Bürgerrechtsorganisation ACLU werden junge Afroamerikaner viermal so oft auf Drogen gefilzt wie ihre weissen Altersgenossen. Die Chance, als Schwarzer bis zum 34. Lebensjahr einmal hinter Gitter zu sitzen, liegt bei eins zu zehn.

Besser – aber nicht gleichgestellt

Die meisten Schwarzen leben nicht mehr in Armut, und etwa vier von zehn besuchen eine Universität. Doch damals wie heute geht die Wohlstandsschere zwischen Schwarzen und Weissen in den USA weit auseinander. Die jüngste Wirtschaftskrise liess die Afroamerikaner noch weiter zurückfallen. Während der Schnitt beim Haushaltsvermögen (Immobilie, Auto, Investitionen und Bargeld) für weisse Amerikaner zuletzt bei 110 500 Dollar lag, kamen Schwarze auf 6314 Dollar.

Hoffen auf erneutes Erwachen

Die Nachfahren der Sklaven haben mehr Schulden, weniger Bildung, geringere Einkommen und sind die ersten, die in der Krise ihren Job verlieren, und die letzten, die wieder einen Arbeitsplatz finden. Während der Präsident persönlich weiter hoch im Kurs steht, lässt sich im schwarzen Amerika das Unbehagen mit Händen greifen. Umfragen reflektieren den Pessimismus, der nach fünf Jahren Obama zurückgekehrt ist.

Der Freispruch im Trayvon-Martin-Prozess erweist sich als Kristallisationspunkt dafür, was aus Sicht der rund 40 Millionen Schwarzen bis heute falsch läuft. Auch für King-Begleiter Lewis. Er hofft wie vor 50 Jahren auf ein Erwachen der jungen Generation. «Sie müssen mehr Lärm machen.» King hielte heute gewiss keine Sonntagsrede, sondern stünde an der Spitze der Demonstranten, die den Traum einforderten.