Der Nihilist und der Islam

Paris unter einem moslemischen Präsidenten: Diese Vision einer europäischen Islamisierung beschreibt Michel Houellebecq in seinem neuen Roman. Die Polemik wogt hoch, noch bevor das Buch erschienen ist.

Stefan Brändle
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Michel Houellebecq gilt als «Enfant terrible» der französischen Literatur. (Bild: epa/Marcial Guillen)

Michel Houellebecq gilt als «Enfant terrible» der französischen Literatur. (Bild: epa/Marcial Guillen)

Die Houellebecq-Fans erhalten Verstärkung von rechts. Ihr Idol habe «in den Ameisenhaufen getreten», frohlockt etwa «Riposte laïque» (laizistische Antwort), die wie andere identitäre Bewegungen vor einem «Eurabia» warnt.

Eurabia könnte auch Houellebecqs neues Werk heissen. Sein Titel «Soumission», zu Deutsch Unterwerfung, bedeutet so viel wie Islam. Der 58jährige Goncourt-Preisträger und Berufsprovokateur beschreibt darin den Sieg des fiktiven Politikers Mohammed Ben Abbes bei den französischen Präsidentschaftswahlen von 2022. In der Stichwahl unterstützen nämlich Bürgerliche und Linke den Kandidaten der «moslemischen Bruderschaft» gegen die Rechtsextremistin Marine Le Pen.

Dieses eher explosive Szenario hatte der Verlag Flammarion schon Ende letzten Jahres durchsickern lassen, um das Buch ins Gerede zu bringen. Dank einer schlecht gescannten Raubversion lässt sich die Fortsetzung des Plots am Computer lesen, noch bevor die 300 Seiten am Mittwoch auf Französisch und eine Woche später auf Deutsch erscheinen werden.

Islamisiertes Frankreich

Ben Abbes wird als «gemässigter Moslem» geschildert, der aber dank saudisch-wahhabitischen Geldgebern bald ganz Frankreich islamisiert. Die Sorbonne wird zur «islamischen Universität»; ihre lesbische Direktorin wird entlassen, die Forscher und Dozenten – darunter die Romanhauptfigur François – müssen konvertieren oder abtreten. In beiden Fällen werden sie mit Erdölgeldern aus dem Golf fürstlich entschädigt.

François' jüdische Freundin Myriam wandert mit ihrer Familie nach Israel aus. Die anderen Frauen tragen bald nur noch Hosen und Kopfschleier; die meisten geben ihren Job auf und kümmern sich um Haushalt und Kinder. Die Arbeitslosigkeit sinkt dadurch massiv, was Ben Abbes' bereits vergessenem Vorgänger François Hollande nie vergönnt gewesen war. Houellebecq beschreibt die Vorgänge völlig lakonisch, wenn er nicht gerade einen grinsenden Ton anschlägt. Als bestandener Nihilist hält er den Westen für zu schwach, zu dekadent, zu defaitistisch, um dem Islam etwas entgegenzusetzen.

Anders als die extreme Rechte bietet der depressive Autor keinerlei Halt oder Alternative zum Aufgehen des Halbmondes in Europa. Das auf 15 Jahre gesenkte Heiratsalter in Frankreich oder die Sexabenteuer seines Protagonisten François mit diversen Maghrebinerinnen geben ihm Anlass, genüsslich mit den Grenzen von Pädophilie und Polygamie zu spielen.

Fast ebenso viel Vergnügen bereitet es ihm, den Islamisten und westlichen Wertkonservativen das gleiche – gleich reaktionäre – Frauenbild zu unterstellen. Es ist letztlich sein eigenes.

Unterwerfung als Glück

Houellebecq blosse Islamophobie zu unterstellen, wäre deshalb verfehlt: In der Verwirrung seiner Gefühle und Gedanken hegt er offene Faszination für das Rollenbild häuslicher Mosleminnen. Mehr noch, lässt er die zum Islam bekehrte Romanfigur Robert Rediger – eine Verballhornung des real existierenden Islamistengegners Robert Redeker – den Kernsatz des Romans sagen, «dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung liegt».

Raffinierter als seine sexuellen Phantasien verwebt Houellebecq Fiktion mit der politischen Realität. 2002 hatten Bürgerliche und Linke effektiv vereint Jacques Chirac unterstützt, um Jean-Marie Le Pens Wahlsieg zu verhindern.

Ein Mohammed Ben Abbes wäre im Elysée aber schon deshalb undenkbar, weil unter den französischen Spitzenpolitikern kein einziger Moslem ist. Das sagt viel aus über die Undurchdringlichkeit der Pariser Eliten für Banlieue-Immigranten; eine schleichende Islamisierung lässt sich daraus aber kaum ablesen. Nicht zu vergessen, hat Frankreich das islamische Kopftuch sehr entschlossen aus öffentlichen Gebäuden und die Burka sogar von den Strassen verbannt.

Ängste der Gesellschaft

Doch um die französische Realität geht es Houellebecq mitnichten. Er nimmt vielmehr die Ängste einer Gesellschaft auf, die in einer tiefen Wirtschafts- und Identitätskrise steckt. Alain Finkielkraut lobt Houellebecqs Zukunftsvorstellungen als «zwar unsicher, aber durchaus plausibel». Wenn die Medien und Politiker die Überfremdung durch die Immigration in Abrede stellten, müsse eben die Literatur davor warnen, meint der konservative Philosoph.

Laurent Joffrin, Chefredaktor der linken Zeitung «Libération», die Houellebecqs sechstem Roman am Wochenende eine sechsseitige Titelgeschichte widmete, sieht in dem Werk «den Einbruch – oder die Rückkehr – rechtsextremer Thesen in die Hochliteratur».

Hingabe, nicht Unterwerfung

Der französische Islamexperte Abdennour Bidar belehrt Houellebecq, dass Islam nicht nur Unterwerfung bedeute, sondern auch Hingabe und Annahme. «Wenn der Mensch im Koran ein <Diener Gottes> ist, dann nicht im Sinn eines Sklaven, sondern als Agent der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und göttlichen Schöpfungskraft.»

Für das Enfant terrible der französischen Literatur war diese Präzisierung aber wohl zu subtil.