Österreich

Der neue Bundeskanzler: Chef vom Scheitel bis zur Sohle

Wie von selbst lief alles auf Christian Kern als neuen Bundeskanzler hinaus. Immer wieder fiel sein Name als Nachfolger von Werner Faymann. Wie tickt der Bahn-Chef und neuer Regierungschef?

Norbert Mappes-Niediek, Wien
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Markante Züge, kein Gramm Fett: Christian Kern ist der Nachfolger von Werner Faymann im Amt des österreichischen Bundeskanzlers. keystone

Markante Züge, kein Gramm Fett: Christian Kern ist der Nachfolger von Werner Faymann im Amt des österreichischen Bundeskanzlers. keystone

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Christian Kern: Wie ein geheimes Mantra fiel immer, wenn einer mit Kanzler Werner Faymann unzufrieden war, regelmässig dieser Name. Selbst nahm der viel Genannte aber an keiner Debatte teil. Seit seinem Ausstieg aus der Politik vor fast 20 Jahren hat der heute 50-jährige Sozialdemokrat in Österreichs staatlichen und staatsnahen Wirtschaft Karriere gemacht und sich aus Kontroversen wohlweislich herausgehalten.

Jetzt nach Faymanns Rücktritt lief trotzdem alles wie von selbst auf Christian Kern hinaus. Oder gerade deswegen: Zu den heissen Streitfragen in der Partei – der Asylpolitik, dem Verhältnis zu den Rechtspopulisten – hat von dem Wunschkandidaten selbst hinter verschlossenen Türen noch niemand etwas gehört (siehe Box).

Rot-Schwarze Regierung: Der Koalitionspartner hofft auf die letzte Chance

Der Bahn-Manager Christian Kern soll in Österreich neuer Bundeskanzler sowie Parteichef der Sozialdemokraten werden. «Die Entscheidung ist gefallen», erklärte der SPÖ-Interimschef Michael Häupl gestern Freitag in Wien am Rande einer Sitzung der SPÖ-Landeschefs. Kern folgt auf Werner Faymann, der nach innerparteilicher Kritik zurückgetreten war. In Faymanns fast achtjähriger Amtszeit hatten die Sozialdemokraten bei 19 von 21 Wahlen Stimmen verloren. Der SPÖ-Bundesvorstand muss die Personalie Kern am kommenden Dienstag offiziell billigen. Einen Tag später soll er von Bundespräsident Heinz Fischer als 13. Bundeskanzler nach 1945 vereidigt werden.

Zu Fragen der Asylpolitik und zum Umgang der Sozialdemokraten mit der rechten FPÖ hat sich Kern bisher noch nicht geäussert. Zu diesem Punkt gab Kerns Konkurrent, Gerhard Zeiler, erste Hinweise. Er erklärte in einem Interview in der Nachrichtensendung «ZiB2», die SPÖ solle die FPÖ nicht wie bisher kategorisch auf Bundesebene als Partner ausschliessen, sondern an ihren Inhalten messen. Zentraler Punkt sei die Einstellung der Rechtspopulisten zur EU. «Eines ist klar, es wird niemand in der Sozialdemokratie eine Koalition mit einer FPÖ machen, die sich nicht voll und ganz zu Europa bekennt.»

Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner steht dem neuen Mann an der Spitze der Regierung positiv gegenüber. «Wir könnten nicht schlecht zusammenpassen. Ich bin ebenfalls ein Organisationstyp, habe bestimmte Erfahrungswerte und hoffe, dass wir uns gut ergänzen», sagte Mitterlehner den «Salzburger Nachrichten». An Neuwahlen denke er in diesem Moment nicht. «Ich gehe davon aus, dass wir die viel zitierte letzte Chance vor uns haben», meinte Mitterlehner. Die Arbeit der rot-schwarzen Koalition wird seit ihrem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren von vielen Bürgern mit Unmut verfolgt. Beide Parteien kommen in Umfragen nur noch auf 22 und 21 Prozent. Tiefpunkt war das erstmalige Scheitern der Kandidaten von SPÖ und ÖVP bei der ersten Runde der Wahl zum Bundespräsidenten am 24. April. Ob die Personalie sowie die erwartete Regierungsumbildung auch Einfluss auf die Stichwahl für das Amt des Bundespräsidenten am 22. Mai haben könnte, ist unklar. (sda)

Ein Herr mit strengen, markanten Zügen, kein Gramm Fett, aber immer in etwas zu knappen Anzügen: Der Chef der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) kommt daher wie das Model des modernen Managements. In seinen Reden holt er gern ein wenig aus. Mit kleinen Anekdoten oder mit Metaphern aus der Musik, die nie recht den Punkt treffen wollen, bei Technokraten und Funktionären aber als Ausweis umfassender Bildung gelten. Bei aller Vorsicht und Bescheidenheit im Auftritt lässt sich über der schmalen Krawatte immer auch eine leise Blasiertheit ahnen. Der kann auch anders, ist der Eindruck, der sich aufdrängt.

Erfolgreicher Sanierer der Bahn

Die Bahn, der Kern seit 2010 vorstand, ist in Österreich eine tragende Säule der «roten Reichshälfte»: Hier regieren starke Betriebsräte und Gewerkschaften, und für die «Schwarzen», die traditionell bei der Post das Sagen haben, ist die Bahn auch ein rotes Tuch: Verluste hier fallen immer der SPÖ auf die Füsse.

Wie Rache nahm sich das 2003 die grosse Bahnreform aus, mit der die damals «schwarz-blaue» (FPÖ)-Regierung das Staatsunternehmen zerschlug und seiner Aktiva beraubte. Kerns Vorgänger, ein strammer ÖVP-Mann, nutzte seine Stellung, sich beinahe wöchentlich mit der nun wieder «roten» Regierung anzulegen.

Erst Kern schaffte es, die Bahn aus den tagespolitischen Scharmützeln wieder herauszuholen, schloss Friede mit der Gewerkschaft und sanierte erfolgreich: Nach dreistelligen Millionenverlusten schreiben die ÖBB – bei kräftigen Subventionen – wieder schwarze Zahlen. Der Chef trat als höflicher, stilvoller Kommunikator auf, stellte zwar sein Licht nie unter den Scheffel, liess seine Teilnahme an politischen Kontroversen aber immer nur leicht anklingen.

Mountainbike statt Partei

Aus dem Zwischenreich zwischen Politik und Wirtschaft hat die SPÖ früher ihr wichtigstes Personal rekrutiert, darunter zwei Kanzler. Vor allem an Franz Vranitzky, den roten «Sir», weckt Kern Erinnerungen. Der Sohn eines Elektroinstallateurs und einer Sekretärin startete früh, landete nach kurzem Publizistik-Studium und einer Episode als Journalist im karriereträchtigen Büro eines SPÖ-Politikers.

Wenn andere sich am Wochenende mit einer knurrigen Basis stritten oder Säle voller Rentner besuchten, stieg Kern auf sein Mountainbike. Nach seinen Jahren in grossen Konzernen ist der Ehemann einer Unternehmensberaterin für den Provinzialismus, der sich bis weit in die Partei breitmacht, nicht empfänglich. Was er ihr stattdessen bieten könnte, hat er aber bisher nicht erkennen lassen.