Der moralische Fels

Mit seinem Rücktritt setzt Benedikt XVI. ein letztes, strahlendes Glanzlicht. Ansonsten war sein Pontifikat jedoch eher von Schatten geprägt.

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Vatikan-Intrigen und der Relativismus machten Papst Benedikt XVI. zu schaffen. (Bild: ap/ Andrew Medichini)

Vatikan-Intrigen und der Relativismus machten Papst Benedikt XVI. zu schaffen. (Bild: ap/ Andrew Medichini)

«Mein Herrgott, lass diesen Kelch an mir vorübergehen – Dir stehen doch Jüngere und Bessere zur Verfügung!» Dieses Stossgebet habe er während des Konklaves im April 2005 zum Himmel gesandt, als er das «Fallbeil» auf sich habe zurasen sehen, erzählte Joseph Ratzinger kurz nach seiner Wahl. Viele hielten dieses Bekenntnis für Koketterie. Doch es entsprach der Wahrheit: Joseph Ratzinger hatte das Amt nicht gesucht. Schon einige Jahre zuvor hatte er Johannes Paul II. darum gebeten, von seinem damaligen Amt als Glaubenswächter zurücktreten zu dürfen, weil er lieber noch ein paar Bücher schreiben wollte. Vergeblich.

Sein Rücktritt als Papst konnte ihm nun niemand mehr abschlagen. Es ist ein Rücktritt aus Müdigkeit – und vielleicht auch ein wenig aus Frustration: Das vergangene Jahr war für die katholische Kirche und den Vatikan ein besonders schwieriges gewesen. Die Vatileaks-Affäre hatte nicht nur Machtkämpfe in der Kurie offenbart, sondern auch gezeigt, dass die Bemühungen Benedikts um mehr Transparenz und saubere Geschäfte nicht nur in der Kurie, sondern auch in der skandalumwitterten Vatikanbank IOR auf starke Widerstände stiessen. Der deutsche Papst musste feststellen, dass er selbst von hohen Würdenträgern und engen Vertrauten hintergangen wurde.

«Man kann sich nur schwer vorstellen, welche Intrigen es da in Rom gibt, mit denen er sich rumschlagen muss. Das hat ihn sehr belastet», sagt der deutsche Theologe Max Seckler, ein langjähriger Freund des Kirchenoberhaupts.

Viele vor den Kopf gestossen

Sein Pontifikat war überschattet von zahlreichen Pannen. Schon im Herbst 2006 kam es mit der «Regensburger Rede» zu einem ersten Eclat: Mit einem unglücklichen Zitat brachte der Papst Millionen von Moslems gegen sich auf; in der arabischen Welt kam es zu Krawallen.

Später löste Benedikt XVI. mit der Aufhebung der Exkommunikation der fundamentalistischen Lefebvre-Bischöfe und des Holocaust-Leugners Richard Williamson schwere Verstimmungen mit den Juden aus. Auch die Protestanten stiess der Papst vor den Kopf, indem er ihnen 2007 einmal mehr beschied, keine «Kirche im eigentlichen Sinn» zu sein.

Als schwerste Belastungsprobe für Benedikt XVI. sollte sich der Skandal um pädophile Priester erweisen, der vor allem in Europa und den USA zu Hunderttausenden von Kirchenaustritten führte. Für die moralische Autorität der katholischen Kirche, in deren Wertekanon die Unkeuschheit als Todsünde gilt, stellten die Missbräuche die grösstmögliche Katastrophe dar. Zwar hat Joseph Ratzinger nie den geringsten Zweifel daran gelassen, dass er diese Taten für abscheulich hält und dass sie streng bestraft werden müssten. Doch es dauerte lange, bis sich der Papst zu einer Entschuldigung aufraffte und die Regeln zur Verfolgung der Schuldigen verschärfte.

Ein begnadeter Redner

So hinterlässt Benedikt XVI. viele Baustellen: die Reform der Kurie, das Verhältnis zu den Protestanten, die Frage des Zölibats, der Frauenordination und damit des Priestermangels. Daneben wird Joseph Ratzinger als der begnadete Redner und Theologe in Erinnerung bleiben, der den Gläubigen in einfachen Sätzen die fundamentalen Glaubenswahrheiten des Katholizismus vermitteln konnte, die niemals einer Modeströmung und damit der Beliebigkeit geopfert werden dürften. In einer von Werteverfall geprägten, globalisierten Welt strebte der Papst in Reden und Schriften nach Reinheit, Klarheit, Wahrheit, nach der «Essenz» des Glaubens, und wehrte sich gegen die «Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Mass nur das Ich und seine Bedürfnisse zulässt». Benedikt XVI. war der Papst für eine Zeit, die den Glauben und ihre Werte verloren hat, sich aber nach einem moralischen Fels in der Brandung sehnt.

«Empfinden für die Sünde verloren»

Joseph Ratzinger ist ein kluger und mitunter tief pessimistischer Mensch. In den Augen des Papstes haben die Menschen «das Empfinden für die Sünde verloren»; immer wieder geisselte er in seinen Predigten die «verlogene und haltlose Freiheit, welche die Laune, das Laster und den Egoismus verherrlicht und sie als Errungenschaften der Zivilisation hinstellt». Auch die Kirche selber sah er in misslichem Zustand: Er verglich sie mit einem «lecken Schiff, dem Untergang nahe»; ihre Kleider seien «so verdreckt wie ihr Gesicht». Das Gefühl, einsam in einer öden Wüste der Verderbnis zu predigen, entlud sich mitunter in autoritären Botschaften an die real existierende postmoderne Welt. Dabei ist jedoch oft übersehen worden, dass sich der Papst in seinen wichtigsten Enzykliken keineswegs als der «Grossinquisitor von Markl am Inn» erwiesen hat, als der er oft bezeichnet worden ist.

Keine halben Sachen

Mit seiner Rücktrittsankündigung beweist Benedikt XVI. einmal mehr, dass es ihm in seinem Pontifikat nie um ihn selber gegangen ist, sondern um die Sache. Und das ist bei ihm die Kirche und der Glauben. «Um das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.» Ein Joseph Ratzinger macht keine halben Sachen. Seine konsequente Haltung ist manchmal zu Recht als Zeichen von Sturheit oder Weltfremdheit ausgelegt worden. Gestern war es ein Zeichen – ja ein Ausrufezeichen – von Grösse. Dominik Straub, Rom