Der lange Marsch in die Vernunft

Syrien blutet aus. Die Zivilbevölkerung wird massakriert oder vertrieben. Der einzige Ausweg: die Flucht – ins nächste Dorf, in ein Nachbarland oder nach Europa. Das Regime, die Rebellen, die Kurden und die Jihadisten aller Couleur bewegen sich in einem Totenhaus.

Walter Brehm
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Syrien blutet aus. Die Zivilbevölkerung wird massakriert oder vertrieben. Der einzige Ausweg: die Flucht – ins nächste Dorf, in ein Nachbarland oder nach Europa. Das Regime, die Rebellen, die Kurden und die Jihadisten aller Couleur bewegen sich in einem Totenhaus. Ihre jeweiligen Schutzherren in Washington, Moskau, Teheran oder Riad sind im Versuch, «ihre» Schützlinge zum Sieg zu führen, gescheitert. Die Massenflucht führt zu einer Zerreissprobe für Europa.

Nun macht das Wort vom politischen Prozess die Runde – auch in Moskau. Bisher weiss allerdings niemand, wohin er führen soll. Umso mehr ist das zweite Syrien-Forum in Wien ein wichtiger Schritt dazu, dies auszuloten. Die USA und in ihrem Gefolge auch Saudi-Arabien geben den Widerstand auf, Iran einzubinden. Weitere regionale Staaten müssen folgen.

Den IS – wie sie alle behaupten – als Hauptfeind zu sehen, ist nur ein erster Schritt auf einem langen Marsch in die Vernunft. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, der Frieden sei nahe. Die Grossmächte und ihre regionalen Verbündeten werden vorerst weiter versuchen, ihre Verhandlungsposition auf dem Schlachtfeld zu stärken. Es kann dauern, bis alle Akteure begreifen, dass keiner von ihnen ausgeschlossen werden oder sich verweigern darf – weder religiös noch strategisch motiviert. Erst dann wird es möglich sein, das Töten zumindest ausserhalb der vom IS eroberten Gebiete in absehbarer Zeit zu stoppen und dort die schlimmste Not der Menschen zu lindern. Und erst dann ist wichtig, wie ein künftiges Syrien aussehen könnte.

Das alles braucht Zeit. Aber nur ein gemeinsamer Kampf gegen den IS und um das Vertrauen des syrischen Volkes kann diese Zeit schaffen.

walter.brehm@tagblatt.ch