Der Kaiser fleht um Abdankung

Es klingt wie ein verzweifelter Hilferuf: Japans Kaiser Akihito fühlt sich müde und nicht mehr fit genug, um seinen vielen Pflichten nachgehen zu können. Der 82-Jährige möchte nicht länger Regent sein. Die Politik ist ratlos.

Angela Köhler
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TOKIO. Japan schreibt offiziell das Jahr 28 der Regentschaft von Kaiser Akihito, und es geschieht aus Sicht der meisten Japaner etwas Ungeheuerliches in der ältesten Erbmonarchie der Welt. Der Tenno bittet dringend um Ablösung. Er wendet sich dafür mit einer Video-Botschaft direkt an das Volk: «Ich fürchte, dass es für mich schwierig wird, meine Aufgaben als Symbol des Staates mit voller Kraft zu erfüllen, wie ich das bisher getan habe.» Seine körperliche Verfassung habe sich verschlechtert, seine Kraft lasse nach und zwei Operationen am Herz und gegen Prostatakrebs hätten tiefe Spuren hinterlassen. Höfisch vage beklagte Akihito «verschiedene Einschränkungen» der persönlichen Fitness.

Bis zum Tod auf dem Thron

Erst zum zweiten Mal wandte sich der 125. Tenno seit der Besteigung des Chrysanthemen-Thrones am 7. Januar 1989 per Video-Botschaft an seine Untertanen. Schon allein dies zeigt, wie ernst und dringend es dem Monarchen ist, Amt und Würde an einen Thronfolger weiterzureichen. Akihito hat sich jedoch noch nie offiziell dazu geäussert, wen er damit eigentlich meint.

Auch deshalb ist das Land auf einen Thronwechsel nicht vorbereitet. Noch Mitte Juli hatte der Vize-Hofmarschall Shinichiro Yamamoto Medienberichte über den Wunsch nach Abdankung in den nächsten Jahren als «absolut unwahr» dementiert. Und auch die Politik ist rat- und hilflos. Premier Shinzo Abe fand für den Appell des Kaisers gestern nur die dürren Worte, er nehme diese Äusserungen ernst und werde darauf reagieren. «Angesichts der Pflichten des Tenno, seines Alters und der Last seiner Funktion müssen wir schauen, was wir tun können.»

Die Crux ist: Ein Kaiser sitzt in Japan auf dem Thron, bis er stirbt. Das war immer so in der jüngeren Geschichte dieser angeblich 2700 Jahre alten Dynastie, und es steht auch nicht anders in der Verfassung. Der Reichstag kann das nur mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit in beiden Kammern ändern. Das dürfte schwierig werden. Vor allem in den nationalkonservativen Kreisen der Abe-Partei fürchtet man auf längere Sicht um die Stabilität des imperialen Systems.

Streit um Thronfolge

Die Thronfolge ist umstritten. Traditionsgemäss ist der Thronerbe Kronprinz Naruhito. Der 56-Jährige hat schon viele zweitrangige Pflichten des Kaisers übernommen. Aber es ist kein Geheimnis, dass dessen Verhältnis zu seinem Vater gestört ist. Dabei geht es um Naruhitos Frau, Kronprinzessin Masako. Die 53jährige Diplomatentochter konnte sich nie in die höfischen Sitten einpassen und leidet unter Depressionen – auch, da sie keinen männlichen Erben geboren hat. Die 15jährige Tochter Aiko ist bisher von der Thronfolge ausgeschlossen, was zu Zwist im Kaiserhaus geführt hat.

Naruhitos jüngerer Bruder Akishino, in der Thronfolge auf Platz zwei, hat stets durchblicken lassen, seine Familie sei geeigneter, die kaiserliche Tradition fortzusetzen. Mit dem 9jährigen Sohn Hisahito kann er auf einen männlichen Erben verweisen.

«Göttlichkeit» verloren

Der beim Volk äusserst populäre Akihito ist der erste Kaiser, der als Mensch Monarch wurde. Sein Vater und Vorgänger, der Kriegskaiser Hirohito, hatte auf Druck der amerikanischen Besatzer auf seine «Göttlichkeit» verzichten müssen. Seither ist der Tenno auch nicht mehr offizielles Oberhaupt, sondern nur noch Symbol des Staates und der Einheit des Volkes. Einflussnahme auf die Regierungsgeschäfte – oder gar Mitwirkung – ist ihm untersagt. Deshalb konnte Akihito die Worte Abdankung oder Thronfolge auch nicht direkt aus- und ansprechen, denn beide Entscheide bedürfen einer Gesetzesänderung.

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