Dubai im Fadenkreuz: Der Iran drohte allen US-Verbündeten in der Region – und ging dennoch bewusst harmlos vor

Zuhause Stärke demonstrieren: Das war das oberste Ziel des iranischen Regimes. Das ist ihm gelungen – ohne weitere Opfer zu produzieren.

Michael Wrase aus Limassol
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Irans geistlicher Führer Ayatollah Ali Khamenei sagt, die Raketenangriffe auf US-Stützpunkte seien «nur eine Ohrfeige» gewesen.

Irans geistlicher Führer Ayatollah Ali Khamenei sagt, die Raketenangriffe auf US-Stützpunkte seien «nur eine Ohrfeige» gewesen.

Bild: EPA/Keystone (Teheran, 8. Januar 2020)

«Dir zu Ehren Qassem», brüllen Revolutionsgardisten in die pechschwarze Nacht, als die erste von insgesamt 22 Raketen von ihren Abschussrampen abgefeuert werden. Immer wieder zeigen iranische Fernsehstationen die gen Westen fliegenden Projektile im orangerot erhellten Nachthimmel. Um 1.50 Uhr Ortszeit habe die «Operation Qassem Soleimani» begonnen. Genau zu diesem Zeitpunkt hätten die Amerikaner auch den Kommandanten der Al-Kuds-Brigaden ermordet. Alles lief nach Plan, jubelten die Staatsmedien. Alle Raketen hätten ihre Ziele – zwei amerikanische Militärstützpunkte im Irak – erreicht.

Die «Rache für Qassem» erfolgte mit Ansage. Nur 24 Stunden zuvor hatte eine anonyme Quelle im nationalen iranischen Sicherheitsrat der New York Times verraten, dass Revolutionsführer Ali Khamenei dem Sicherheitsrat eine neue Vergeltungsstrategie befohlen habe. Demnach müsse die militärische Antwort an die USA «direkt», also zeitnah, und «angemessen» erfolgen.

Zwei Stunden vor den Angriffen informierte das iranische Militär zudem die irakischen Streitkräfte über ihre bevorstehenden Vergeltungsabsichten. Man kann davon ausgehen, dass die Irakis die Warnungen sofort an die US-Armee weitergegeben haben. Die Soldaten dürften die Nacht von Dienstag auf Mittwoch überwiegend in ihren Bunkern verbracht haben, was US-Präsident Donald Trump bereits eine Stunde nach den Attacken zum Anlass nahm, Entwarnung zu geben. «Alles ist gut», verkündete er auf Twitter.

Diplomaten in Teheran sprechen von «Ruhe im Land»

In Teheran war zu diesem Zeitpunkt bereits die Sonne aufgegangen. Erleichtert konstatierten westliche Diplomaten in der iranischen Hauptstadt «die Ruhe im Land». Mit den «wohl bewusst harmlosen Angriffen» habe Iran «sein Gesicht gewahrt» und die von der Bevölkerung erwartete Stärke nach dem Tod von Soleimani demonstriert. Jetzt bestünde vielleicht die Chance, die Krise auf diplomatischem Wege etwas zu entschärfen.

Doch sicher ist das nicht. Für Revolutionsführer Ali Khamenei, der beim Anblick des völlig zerfetzten Körpers von Qassem Soleimani die Fassung verloren haben soll, waren die 22 Lenkwaffenschläge auf amerikanische Ziele lediglich eine «Ohrfeige». Der Militärschlag der vergangenen Nacht, dozierte er vor Hunderten seiner Anhänger, sei «bei weitem nicht ausreichend gewesen». Das amerikanische Militär müsse ein für allemal aus der Region vertrieben werden, betonte der 80-jährige Geistliche. Khamenei stellte aber indirekt klar, dass es vorerst keine weiteren direkten Militärschläge gegen amerikanische Ziele geben wird, vorausgesetzt auch Donald Trump verzichtet auf weitere Militärschläge. Danach sah es nach der Ansprache des amerikanischen Präsidenten am Mittwochnachmittag aus.

Dubai stand auf Teherans Abschussliste

Vor der sich nun abzeichnenden Deeskalation in der Region hatten die Al-Kuds-Brigaden den «Verbündeten der USA» im Nahen Osten mit Vergeltung gedroht. Ganz oben auf der «Abschussliste» stünden Dubai, wo im November dieses Jahres die Weltausstellung Expo beginnt sowie die israelische Hafenstadt Haifa. Laut libanesischen Medienberichten bereitet sich die proiranische Hisbollah bereits auf die Auseinandersetzung mit Israel vor.

Die Miliz verfügt über Tausende von Raketen mit Reichweiten von weit über 300 Kilometern. Bereits 2006 hatte die Hisbollah Israel angegriffen. Die israelische Armee zerstörte während des Schlagabtausches grosse Teile der libanesischen Infrastruktur. Mehr als 2000 Zivilisten kamen ums Leben.

Ein erneuter Krieg zwischen Israel und der Hisbollah würde womöglich das Ende des Libanons bedeuten. Auch für die Wirtschaft von Dubai wären iranische Raketenangriffe absolut verheerend. Die arabischen Golfstaaten hatten schon vor der Ermordung von Soleimani den Dialog mit Teheran begonnen. Der General selbst, berichtete ein irakischer Parlamentsabgeordneter, habe nur Stunden vor seinem Tod in Bagdad eine Botschaft für das saudische Königshaus deponiert.