Der hohe Preis der Naivität

Kommentar Ein 22jähriger Computerspezialist der US-Army erkennt, dass Washingtons Nachrichtendienste «mit schwachem Passwort-Schutz und schwacher Kontrolle der Datenströme» arbeiten. «Es war einfach und verführerisch», sagt Bradley Manning.

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Ein 22jähriger Computerspezialist der US-Army erkennt, dass Washingtons Nachrichtendienste «mit schwachem Passwort-Schutz und schwacher Kontrolle der Datenströme» arbeiten. «Es war einfach und verführerisch», sagt Bradley Manning. Im Dienst hatte er mitbekommen, wie in Irak eine Helikopter-Crew mit zynischen Sprüchen tödliche Jagd auf Zivilisten machte. Für ihn war klar: «Dies ist kein guter Krieg.» Um «die Welt aufzurütteln», übergab er Wikileaks Hunderttausende vertrauliche Daten.

Drei Jahre ist das her: Die USA haben ihre Truppen aus Irak abgezogen, der Rückzug aus Afghanistan steht bevor. Und Wikileaks macht kaum mehr Schlagzeilen. Ihr Chef, Julian Assange, wegen sexueller Nötigung gesucht, versucht sich der Justiz als «politischer Flüchtling» zu entziehen. Tatsache bleibt: Mannings Datendiebstahl ist eine schwere Straftat. Aber auch dies: Die US-Militärjustiz hat mit einer fast paranoiden Anklage reagiert: Aus Eigennutz habe Manning «bewusst den Feind unterstützt». Doch die angebliche Feind-Unterstützung mit Daten, deren Inhalt er nachweislich nicht überblicken konnte, war einfach dummdreiste Naivität.

Das scheint nun auch das Militärtribunal eingesehen zu haben. Denn der Logik der Anklage folgend, hätten künftig auch Medien damit rechnen müssen, der Unterstützung des Feindes beschuldigt zu werden, wenn sie Informationen eines Whistleblowers veröffentlichen. Dennoch wirft das Urteil ein Schlaglicht auf das Rechtsverständnis der US-Militärjustiz. Soldaten, die in Afghanistan Dutzende Zivilisten ermorden und abgehackte Finger als Trophäen sammeln, können nach zehn Jahren Haft auf Freiheit hoffen. Der Schreibtischtäter Manning wird wohl mit einer mehrfach längeren Haft rechnen müssen. Walter Brehm

walter.brehm@tagblatt.ch

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