Der Höhepunkt einer schwarzen Serie

Terroranschläge mit islamistischem Hintergrund haben sich in Frankreich seit langem gehäuft: Immer gezielter, immer gefährlicher, immer «barbarischer», wie es Präsident Hollande formulierte: 2012 erschoss der Banlieue-Terrorist Mohammed Merah in Toulouse sieben Menschen, darunter jüdische

Stefan Brändle/Paris
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Terroranschläge mit islamistischem Hintergrund haben sich in Frankreich seit langem gehäuft: Immer gezielter, immer gefährlicher, immer «barbarischer», wie es Präsident Hollande formulierte: 2012 erschoss der Banlieue-Terrorist Mohammed Merah in Toulouse sieben Menschen, darunter jüdische Schulkinder. Mit dem Tod des Attentäters nach einer Grossfahndung baute sich die Spannung aber nicht ab. Im Gegenteil förderte die internationale Entwicklung die Konflikte und Reibungsflächen zwischen französischen Salafisten und der einstigen Kolonialmacht. Sie griff in Mali 2013 militärisch ein, um die Ableger des westafrikanischen Kaida-Terrornetzwerkes Aqmi zu vertreiben. Dann engagierte sich François Hollande in Syrien und Irak an vorderster Front. Und auch der Gaza-Krieg sorgte in Banlieue-Vierteln von Paris, Lyon oder Marseille für rote Köpfe und Solidaritätskundgebungen. Dazu verschärfte die Wirtschaftskrise und steigende Arbeitslosigkeit Frankreichs die Lage in den verelendeten Vorstädten.

Junge Moslems kämpfen in Syrien

An die tausend Banlieue-Jugendliche sollen bis Ende 2014 in den Krieg im Mittleren Osten gereist sein, um sich den Terrormilizen von IS oder Al-Nusra anzuschliesen. Sogar 15jährige Mädchen lassen sich dabei von gewieften Anwerbern über Internet rekrutieren. Im November zeigte sich, dass auf einem Enthauptungsvideo aus Syrien oder Irak ein 22jähriger Konvertit aus der Normandie war – nicht etwa als Opfer, sondern als Täter. «Al faransi» nennt er sich – der Franzose.

Frankreich hat seine Anti-Terror-Gesetzgebung schon mehrmals verstärkt. Jugendliche erhalten teilweise ein Ausreiseverbot in die Türkei, auch Eltern werden überwacht oder, wenn sie wollen, speziell beraten. Das alles hilft wenig. Nach Mohammed Merah verübte im Sommer 2014 ein weiterer Algerien-Franzose einen Anschlag auf das jüdische Museum von Brüssel. Bilanz: Vier Tote. Anfang Dezember griffen drei Jugendliche ein jüdisches Paar in der Pariser Vorstadt Créteil an, weil Juden reich seien, und vergewaltigten die Frau, um Geld zu erpressen. Kurz vor Weihnachten attackierte ein 20jähriger Banlieue-Bewohner mit einem Messer eine Polizeistation in Joué-lès-Tours, wobei er drei Beamte zum Teil schwer verletzte. Auch er hatte wie die Charlie-Attentäter «Allahu Akbar» (Gott ist grösser) geschrien, bevor er von einem vierten Polizisten erschossen wurde.

Juden wandern nach Israel aus

Frankreichs Juden fühlen sich seit diesen Vorgängen und den Intifada-Nachahmern besonders bedroht. Gegen 5000 dürften 2014 Frankreich in Richtung Israel verlassen haben – so viel wie noch nie zuvor. Aber auch die übrigen Franzosen leben seit Monaten mit einem speziellen Gefühl, begegnen sie doch in Bahnhöfen oder Flughäfen immer wieder Militärpatrouillen. Laizistische Moslems versammelten sich dagegen im September vor der Pariser Moschee, um mit allen anderen Franzosen gegen die Enthauptung des französischen Bergführers Hervé Gourdel in Algerien zu protestieren. Gestern abend nun trat stellvertretend für Viele der moslemische Starjournalist Ali Baddou vor die Kameras, um in einem emotionalen Auftritt zu erklären, er sei wie die Mehrheit der französischen Moslems laizistisch eingestellt und verabscheue alle die Anschläge im Namen des Islam. Womit er klar machte, dass neben Juden und Christen auch Moslems zu den Opfern der Anschläge gehören.