Der Held ist jetzt Franzose

Bei den Pariser Terroranschlägen rettete Lassana Bathily mehrere Menschenleben. Dafür erhält der junge Malier, der Moslem ist, nun den Dank der Nation – und als Zugabe die französische Staatsbürgerschaft.

Stefan Brändle
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Der französische Premierminister Manuel Valls (rechts) ehrt Lassana Bathily, der als Held von Paris gefeiert wird. (Bild: eq/Philippe Sterc)

Der französische Premierminister Manuel Valls (rechts) ehrt Lassana Bathily, der als Held von Paris gefeiert wird. (Bild: eq/Philippe Sterc)

PARIS. An diesem Abend ist der Held auch ein Star: Das Licht der Scheinwerfer empfängt Lassana Bathily, der als einer von wenigen nicht in einer schwarzen Limousine, sondern zu Fuss im Innenministerium eintrifft. Im brechend vollen Festsaal begrüsst Innenminister Bernard Cazeneuve den wortkargen Hauptgast und erzählt, wie der 24-Jährige in einem kleinen Sahel-Dorf im Westen Malis aufgewachsen war, um als Jugendlicher seinem Vater nach Frankreich zu folgen. Bathily fand daraufhin in einem jüdischen Supermarkt am Stadtrand von Paris einen Job.

Entscheidende Tips an die Polizei

Der 9. Januar begann wie ein normaler Arbeitstag. Cazeneuve beschreibt die mittlerweile bekannten Ereignisse nur noch kurz: Als der Geiselnehmer in den koscheren Supermarkt stürzte, hielt Bathily geistesgegenwärtig mehreren Kunden an, sich ins Untergeschosses zu begeben und sich dort im abgeschalteten Kühlraum zu verstecken. Oben hielt der Attentäter Ahmedi Coulibaly, der wie Bathily malische Wurzeln hat, die übrigen Kunden fest und erschoss vier Menschen. Bathily wusste, dass es im Erdgeschoss einen Hintereingang gab und bot seinen Schützlingen – darunter einer Mutter mit einem Kleinkind – an, er wolle sie nach draussen zu geleiten versuchen. Sie wollten das Risiko aber nicht eingehen. Da machte sich Bathily allein auf zu der lebensgefährlichen Unternehmung – und konnte der Polizei entscheidende Angaben machen.

«Es gibt nur Frankreich»

Zum Dank der Nation verleiht ihm Cazeneuve an diesem Abend die französische Staatsbürgerschaft. «Willkommen bei uns», meint er zu Bathily, der sich jetzt kaum traut, den Blick vom Boden zu heben. Zu tosendem Applaus tauschen die beiden ungleichen Männer Wangenküsschen aus, dann ergreift auch Premierminister Manuel Valls das Wort. «Schauen Sie, all diese Minister, Abgeordneten, die Bürgermeisterin von Paris, die malischen Gäste, die Würdenträger der moslemischen, jüdischen und christlichen Religion», improvisiert er. «Aber im Grunde gibt es hier keine Minister, keine Abgeordneten, keine unterschiedliche Herkunft oder Religion. Es gibt nur Frankreich!»

«Ich bin kein Held, ich bin Lassana»

Natürlich muss auch der Geehrte ein paar Worte sagen. Er liest sie ab, dankt allen, bezeichnet sich als stolz und gedenkt seines «Freundes», des getöteten Mitarbeiters Yohan Cohen. «Wir sind alle gleich, über alle Glaubensgemeinschaften hinweg», sagt Bathily. «Ich bin kein Held, ich bin Lassana.»

Nach einer stehenden Ovation muss der «Held von Paris», wie ihn die Pariser Medien nennen, noch in die Kameras lächeln. Vielleicht wird ihm nicht einmal bewusst, wie wichtig diese TV-Bilder für Frankreich sind. Sie zeigen einen jungen Afrikaner, der keine französische Schulbildung erhalten hat, aber vormacht, was das erste Gebot der französischen Republik ist – die égalité, die Gleichheit aller. Und, noch entscheidender: Sie ergänzen und korrigieren die um die Welt gegangenen Fahndungsbilder dunkelhäutiger Terroristen aus den Banlieue-Zonen. Die Geschichte des malischen Moslems, der das Leben anderer schützte, ist noch erzählenswerter als die des Terroristen Coulibaly.

Alle bedrängen ihn

Bathily ist deshalb mehr als ein Held, er ist auch ein Symbol, und in dem Festsaal wollen sich selbst die hohen Minister mit dem bescheidenen jungen Mann ablichten lassen. Jüdische Gäste drängen zu ihm und danken ihm unter Tränen. Der Chef der Polizeieinsatztruppe Raid, Jean-Michel Fauvergue, erzählt die Geschichte des 9. Januar noch zu Ende: Als Lassana Bathily durch den Hinterausgang des Supermarktes ins Freie getreten sei, habe man ihn zuerst in Handschellen abgeführt; dann aber habe er der Polizei nicht nur entscheidende Angaben über den Standort der Geiseln und der Attentäter machen können, sondern auch einen Schlüssel mitgebracht. Das habe die Stürmung des Ladens erst ermöglicht und ein Blutbad verhindert.

«Lass», wie ihn seine malischen Freunde nennen, hört kaum mehr zu. Er brauche etwas Zeit zum Überlegen, bekennt er. Man merkt es ihm an, die Ereignisse sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Wie könnte es auch anders sein! Der junge Mann meint, er wolle etwas Abstand gewinnen, seine Angehörigen in Mali besuchen. Viel erholsamer dürfte der Empfang des Pariser Helden in seinem Heimatland allerdings auch nicht ausfallen.