Der Hauptfeind ist die Hisbollah

Jahrzehntelang haben sich Israel und Syrien arrangiert. Der Bürgerkrieg, in dem auch die schiitische Hisbollah und Jihadisten kämpfen, hat die aus dem Nachbarland drohenden Gefahren unberechenbarer gemacht.

Susanne Knaul
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JERUSALEM. Eine mögliche von den USA geführte Militäraktion gegen das syrische Regime lässt in Israel die Nachfrage nach Gasmasken hochschnellen. Dreimal mehr Menschen als gewöhnlich haben in diesen Tagen auf Postämtern ihre veraltete Gasmaske gegen eine neue umgetauscht. Ihre Sorge gilt einem möglichen Vergeltungsschlag Syriens gegen Israel als Verbündeten der USA.

Der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien überraschte in Israel kaum jemanden. Der militärische Abwehrdienst geht spätestens seit April davon aus, dass es seit Beginn des Bürgerkriegs schon «mehrfach zu Giftgaseinsätzen» kam. Israels Hauptsorge ist, dass die Chemiewaffen in die Hände der extremistischen Hisbollah in Libanon geraten könnten.

Waffenlieferungen gestoppt

Die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zog wiederholt eine rote Linie und drohte bei Überschreitung mit Gegenmassnahmen. Mindestens dreimal flog die Luftwaffe in den vergangenen zweieinhalb Jahren Angriffe im syrischen Luftraum, um die Lieferung von Raketen zu stoppen, die anscheinend auf dem Weg zur Hisbollah waren. Offiziell hat sich die Regierung nie zu den Luftangriffen bekannt, auch um das syrische Regime nicht unnötig zu provozieren. Der Feind ist die Hisbollah, nicht das Regime in Damaskus. Dennoch warnte Israel vor Grenzverletzungen. Niemand solle es wagen, Israel herauszufordern, drohte der Minister für internationale Beziehungen, Juval Steinitz, adressiert an die syrische Regierung.

In der Regel halten sich die Politiker auffallend zurück mit Kommentaren zum Regime von Bashar al-Assad und bleiben damit der Linie treu, der Israel seit Beginn des Bürgerkrieges folgt. Man mischt sich so wenig wie möglich ein. Auch Steinitz, der es zwar als «Aufgabe der Welt» betrachtet, weitere Giftgasangriffe zu verhindern, will «den USA keine Ratschläge erteilen, wie sie vorzugehen haben».

Düstere Perspektiven

In Jerusalem weigerte man sich seit Beginn der Unruhen, Position für das syrische Regime oder für die Rebellen zu beziehen. Beide Konfliktparteien sind Israel nicht gerade wohl gesonnen, weshalb Sympathiebekundungen so oder so kontraproduktiv wären. Zudem gibt es in Israels politischer Führung keine klare Haltung dazu, wen man sich letztlich als Sieger der blutigen Kämpfe wünscht. Alle Möglichkeiten erscheinen überwiegend düster. Als am wichtigsten betrachtete man, dass weder die Hisbollah noch der Erzfeind Teheran zum Nutzniesser des Bürgerkrieges werden.

Für die Hisbollah, die bereits Hunderte Kämpfer zur Rückendeckung des Regimes nach Syrien geschickt hat, wäre der Sturz Assads eine Katastrophe. «Die Hisbollah braucht ihn, damit die Waffenlieferungen gewährleistet sind, die Teheran via Syrien nach Libanon schickt», erklärt Joram Schweizer, Antiterrorspezialist vom Tel Aviver Institut für Nationale Sicherheitsstudien. Es ist eine Zusammenarbeit unter Schiiten. Sowohl Iran als auch die Hisbollah wollten verhindern, «dass Syrien in sunnitische Hände fällt».

Anhaltendes Chaos

Wenn sich die Hisbollah und Teheran hinter Assad stellen, dann wäre eine logische Folgerung, dass Israel sich gegen den syrischen Diktator positioniert. Nach Ansicht Schweizers «könnten intensive israelische Angriffe Assad zum Stürzen bringen». Das wird aber nicht passieren. Auch wenn die Beziehungen zwischen Jerusalem und Assad alles andere als freundschaftlich waren, hielten sich beide Seiten über die letzten 40 Jahre doch an einen Modus Vivendi und achteten darauf, dass es in der Grenzregion ruhig blieb.

Syrien ist durch die Unruhen zum Anlaufpunkt für Tausende libanesischer Salafisten und Anhänger des Jihad geworden. Ein Vakuum an der Führung würde den Extremisten erlauben, ihren privaten Krieg gegen Israel auszufechten, was seit dem Chemiewaffeneinsatz nur noch bedrohlicher erscheint. Rund 1000 Tonnen der tödlichen Stoffe soll Syrien binnen kürzester Zeit verfügbar machen können. Kaum auszudenken, wenn die Chemiewaffen in die Hände von Extremisten fielen. «Der undurchschaubare Spieler verfolgt eine durchschaubare Agenda», sagt Schweizer.

Mit oder ohne Assad an der Spitze wird in Syrien noch lange Chaos herrschen. Schon jetzt ist die Armee sehr geschwächt. Je länger der Bürgerkrieg weitergeht, desto weniger wird Assad in der Lage sein, die Salafisten wieder aus dem Land zu vertreiben. «Die Instabilität wird andauern», fürchtet der Sicherheitsexperte, «egal unter welcher Führung».