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Der Harem und die Schule der Frau

Warten, bis der Sultan zur Liebe in sein Gemach ruft. So haben sich westliche Freunde des Orients das Leben lasziver Schönheiten im Harem vorgestellt – eine erotische Männerphantasie bis heute.
Walter Brehm
Emine Erdogan, First Lady der Türkei, singt das Loblied auf den Harem im Osmanischen Reich. (Bild: ap)

Emine Erdogan, First Lady der Türkei, singt das Loblied auf den Harem im Osmanischen Reich. (Bild: ap)

Warten, bis der Sultan zur Liebe in sein Gemach ruft. So haben sich westliche Freunde des Orients das Leben lasziver Schönheiten im Harem vorgestellt – eine erotische Männerphantasie bis heute.

Nicht nur. Ausgerechnet der klassische Punk Wolfgang Amadeus Mozart und der literarische Super-Macho Karl May wussten es besser: «Elendeste Knechtschaft», «entsetzliche Tiefe der Verdammnis», «eine unverzeihliche Beleidigung aller Frauen». So lassen sich der Schöpfer der «Entführung aus dem Serail» und der Geschichtenerzähler aus dem «Wilden Kurdistan» zitieren.

Ignoranten aus dem Abendland

Höchste Zeit, den ignoranten Männern aus dem Abendland den Kopf zurechtzurücken – und das aus berufenem Munde. Von Emine Erdogan, der türkischen First Lady. Lasziv ist keine Eigenschaft, die man(n) der Frau im streng gebundenen Kopftuch zutraut, das keine Strähne ihres Haares sehen lässt. «Der Harem war eine Schule, die auf das Leben vorbereitete – vor allem junge Damen der höheren osmanischen Gesellschaft», doziert Emine Erdogan, Gattin des von Allmachtsphantasien geplagten türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sultan nennen ihn seine Kritiker – und dem Mann, der sich nicht ungestraft kritisieren lässt, gefällt es.

Das schöne Leben

Rückbesinnung auf das islamisch-osmanische Reich – fern aller schwülstigen Phantasien, das ist dem (so viel man weiss monogamen) Ehepaar Erdogan ein Anliegen. Die bis zu 1200 Haremsdamen im Topkapi-Palast zu Istanbul waren zumeist Sklavinnen nichtmoslemischer Herkunft. Je nach Talent wurden sie in Literatur, Musik, Tanz oder Fremdsprachen ausgebildet. Doch nicht dem eigenen Fortkommen diente dies, sondern ausschliesslich der Unterhaltung des Sultans. Und wer von den Haremsdamen zudem hübsch war, hatte dem Sultan auch sexuell zu dienen.

Nach mehreren Jahren – denn jung sollten die Favoritinnen des Sultans doch auch sein – stand es ihnen frei, den Harem zu verlassen, doch die wenigsten taten es. Emine Erdogan gilt dies als Beweis für das schöne Leben im Harem. Aber vielleicht beweist es auch nur, wie mies das Leben für Frauen im Osmanischen Reich ausserhalb des Topkapi-Palastes war. Allerdings und um der Wahrheit die Ehre zu geben, das war zu osmanischen Zeiten auch im christlichen Abendland kein Honigschlecken. Hüben wie drüben: Bildung junger Frauen wurde nur ernst genommen, um gläubige Frauen, gute Mütter und willige Gattinnen heranzuziehen. Daran hat sich in Erdogans Sultanat bis dato wenig geändert. Für den Harem zu werben, kann sich nicht einmal Sultan Recep leisten.

Da lässt er das Wort gerne seiner Frau. Um was es wirklich geht, sagt er dann zu bester Gelegenheit – dem Tag der Frau – aber doch lieber selber. «Für mich sind Frauen zuallererst Mütter. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft wächst und nicht schrumpft. Verhütung rottet die türkische Nation aus. Abtreibung ist Verrat an der Nation.»

Mutter im Dienst der Nation

Mindestens drei Kinder zu gebären, rät der Sultan den Frauen. Emine hat in den 38 Jahren Ehe mit ihm vier Kinder geboren. Wer mag da klagen, dass unter Funktionären der Regierungspartei AKP heute die Vielehe wieder gang und gäbe ist. Im Land, dessen bürgerliches Gesetzbuch nach Schweizer Vorbild formuliert wurde, ist das zwar verboten. Aber mit dem Segen des Imams kann sich der Mann in der Türkei – obwohl verheiratet – noch eine, zwei oder drei weitere Frauen zulegen. Schon fast wie zu Zeiten des osmanischen Sultans feiert die Herrschaft des Mannes über die Frau wieder Urstände.

Dass Gewalt gegen Frauen in Erdogans Türkei so stetig zu- wie deren Berufstätigkeit abnimmt – wen kümmert's? Landesmutter Emine jedenfalls nicht.

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