Der Geheimdienst-Aufklärer

Der Chefredaktor der britischen Zeitung «Guardian», Alan Rusbridger, bietet den britischen Geheimdiensten Paroli.

Sebastian Borger
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LONDON. Alan Rusbridger liebt die Technik, denkt strategisch und bohrt gern dicke Bretter. Eigentlich gäbe der Mann, der aussieht «wie Harry Potters einsamer Onkel», wie er selbst sagt, also einen idealen Geheimdienst-Direktor ab. Stattdessen wurde der professoral wirkende Engländer schon mit Anfang 40 Chefredaktor der traditionsreichen britischen Zeitung «Guardian». Nun, 18 Jahre später, steht Rusbridger, im Mittelpunkt der weltweiten Affäre um die Enthüllungen des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Was das Londoner Blatt seit Monaten veröffentlicht, komme «einem Geschenk für Terroristen» gleich, haben die Chefs der britischen Nachrichtendienste GCHQ, MI5 und MI6 behauptet und vergangene Woche im Parlament bekräftigt. Wenn Rusbridger demnächst selbst vor den Abgeordneten aussagt, wird er eine robuste Antwort parat haben.

Ausstehende Debatte

Einen Vorgeschmack erhielten BBC-Hörer im Oktober: Sollten Terroristen aus den verantwortungsvoll gehandhabten Veröffentlichungen seiner Zeitung neue Erkenntnisse geschöpft haben, handle es sich um «Leute, die nicht einmal ihre eigenen Schuhbändel binden können», spottete der «Guardian»-Chef. Dass sich «unsere Gegner vor Freude die Hände reiben», wie MI6-Direktor John Sawers mitteilte, tun Rusbridger und seine Leute als Versuch ab, die nötige Überwachungs-Debatte zu vermeiden: «Solche Sachen sagen Geheimdienstleute immer.»

Konkurrenz fällt in den Rücken

Die Debatte wird der Chefredaktor nun also bei seiner Anhörung im Unterhaus vorantreiben. Anders als die Chefspione soll er nicht dem lahmen Geheimdienst-Kontrollgremium ISC Rede und Antwort stehen, sondern dem Innenausschuss des Unterhauses. Dort sind Skeptiker des Sicherheitsapparates ebenso vertreten wie jene, die Rusbridger am liebsten wegen Landesverrats vor Gericht zerren wollen. Dazu gehört auch das roBoulevardblatt «Daily Mail»: Es bezeichnete den «Guardian» wegen dessen Enthüllungen als «Feind Grossbritanniens». Auch seriöse Zeitungen wie «Times» und «Telegraph» übernehmen erstaunlich kritiklos die Vorgaben der Geheimdienste. Kurioserweise sind es die gleichen Blätter, die kürzlich gegen die vermeintlich bevorstehende Zensur durch ein neues Aufsichtsgremium der Presse polemisierten. Das Gerede von einer Anklage wegen Geheimnisverrats wird beim «Guardian» und seinem Chefredaktor Rusbridger anscheinend ernst genommen. Anfragen werden von der Redaktion brav an die Pressestelle weitergeleitet, dort werde «sehr genau geprüft, was wir sagen können», stöhnt ein Insider.

Zeitung kooperiert

Nach einem anfänglichen Streit über die Erstveröffentlichung im Juni kooperiert das Blatt zudem mit dem aus Regierungsvertretern und Zeitungsleuten gebildeten Ausschuss, der sich mit heiklen, die Sicherheit der Nation betreffenden Publikationen befasst. Die Zusammenarbeit mit dem «Guardian» sei «zufriedenstellend», man stehe «mindestens einmal pro Woche in Kontakt», berichtet Vize-Luftmarschall Andrew Vallance.

Bei aller Liebe zur Aufklärung – Gefängnis mag der verheiratete Vater zweier erwachsener Töchter nicht riskieren. Dort würde dem passionierten Hobbymusiker das Klavierspiel fehlen: Über seinen Kampf mit der berüchtigt schwierigen g-Moll-Ballade von Frédéric Chopin hat der Geheimdienst-Aufklärer sogar ein Buch geschrieben.

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