Der Fussball baut viele Brücken

Die Leidenschaft für den Sport schweisst zusammen: Beim Spiel mit dem Ball kommen sich jüdische und arabische Jugendliche in Wadi Ara näher. Das Fussballprojekt erregt in ganz Israel Aufsehen.

Thomas Veser/Wadi Ara
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Arabische und jüdische Nachwuchsfussballer besprechen sich vor dem Spiel in der improvisierten Kabine. (Bilder: Thomas Veser)

Arabische und jüdische Nachwuchsfussballer besprechen sich vor dem Spiel in der improvisierten Kabine. (Bilder: Thomas Veser)

Dörfer mit würfelförmigen Wohnhäusern schmiegen sich an die Hügel. Ein diskret angebrachtes Strassenschild an der Schnellstrasse hinauf zur Passhöhe verweist auf den Kibbuz Barkai. Benannt nach dem Morgenstern, zählt die Genossenschaft 200 Angehörige. Die meisten von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft und in einer Fabrik für Verpackungsmaterial.

Chaim Nadler, ehemaliger Unteroffizier der israelischen Armee, ist als Manager in der Fabrik für die Warenauslieferung verantwortlich. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Sein Herz jedoch schlägt für den Fussball. Auf diesem Gebiet ist der Kibbuz Barkai im mehrheitlich von arabischen Israeli bewohnten Wadi Ara landesweit zu einem Markenzeichen geworden. Nadler leitet ein Trainingsprojekt, bei dem jüdische und arabische Jugendliche in gemischten Mannschaften ausgebildet werden. Als Gründer der Barkai-Fussballschule verfolgt Nadler nicht nur das Ziel, künftige Fussballgrössen hervorzubringen. «Wir wollen, dass sich Kinder aus einem Gebiet mit gemeinsamen Interessen begegnen. So lässt sich die kulturelle Mauer zwischen ihren Eltern und den verschiedenen Gemeinschaften überwinden», sagt Nadler.

Warnung von erbosten Familien

Die Annäherung der Bevölkerungsgruppen über den Fussball wird zwar auch in anderen Landesteilen über ähnliche Projekte angestrebt. Chaim Nadler indessen hatte damals einen Griff zu den Sternen gewagt. Er betrieb planmässig den Aufbau eines selbständigen Zentrums für Fussball, Bildung und Kultur, das sich an bis zu 1000 junge Araber sowie Juden und deren Familien richtet. Inzwischen hat er sein ehrgeiziges Ziel fast erreicht.

Vor zwölf Jahren hatte Nadler seinen Lieblingsclub Maccabi Tel Aviv um Starthilfe gebeten. Die Antwort fiel positiv aus, er erhielt einen Kredit in der Höhe von 100 000 Euro. Damit liess er auf dem Kibbuz-Gelände eine neue Fussballanlage mit zwei Plätzen schaffen. Der Kredit sei bereits getilgt, berichtet Nadler, der auch private Spenden für den Betrieb erhält.

Seine Ankündigung, arabische Jungfussballer zu integrieren, hatte in der Gegend zunächst nicht nur Begeisterung ausgelöst. «Erboste jüdische Familien haben uns gewarnt, dass sie ihre Kinder nicht zu uns schicken würden», erinnert sich Nadler. Er liess sich nicht beirren und suchte über die Medien fussballbegeisterte Jugendliche. Inzwischen ist die Gesamtzahl auf über 500 Spieler in drei Altersklassen angewachsen. Jüdische und arabische Teilnehmer zwischen 7 und 18 Jahren halten sich die Waage. Sie stammen aus 46 jüdischen und arabischen Gemeinden.

Zusammenstösse mit der Armee

Gilad, Eytan, Atar, Chen und Peleg gehören zum jüdischen Teil des Teams, das an diesem Tag im Araberdorf Jad spielen wird. Eine Stunde vor Anpfiff wirken die Jugendlichen unruhig, sie geben sich einsilbig. Und das hat seine Gründe. Wann immer israelisches Militär und Bewohner der palästinensischen Gebiete in der Vergangenheit zusammengeprallt waren, hatte die arabische Bevölkerung im Wadi Ara spontan ihre Sympathie für die Bewohner der Autonomiegebiete bekundet. Es kam zu Zusammenstössen mit der Armee, die Strassensperren errichtete.

«Dennoch konnten wir das Training stets aufrechterhalten», sagt Chaim Nadler sichtlich stolz. Schliesslich hätten sich die Leidenschaft für den Fussball und das Zusammengehörigkeitsgefühl als stärker erwiesen. «Wir wollten einfach unsere arabischen Freunde wiedersehen», sagt Peleg und erzählt, wie er den Gästen seinen Wohnort zeigte, sie seiner Familie vorstellte. Die Gegeneinladung liess nicht lange auf sich warten. «Sie kamen und sind sogar übers Wochenende geblieben», berichtet Mohammed begeistert. Sich zu treffen und auszutauschen, ist heute zur Regel geworden.

Shlomo Jakubovitz, der in der jüdischen Gemeinde Karkur lebt und seinen Sohn Noy für den Kibbuz-Fussball begeistern konnte, möchte das nicht mehr missen. «Unsere Kinder, ob arabischer oder jüdischer Herkunft, wachsen rund um den Fussball herum auf. So können sie Freundschaften schliessen und gemeinsam Pläne für die Zukunft schmieden. Sie sind glücklich, wirken älter und erfahrener, als man zunächst annehmen könnte.» Dass auch die anfangs skeptischen Eltern nun regelmässig als Zuschauer den Spielen beiwohnen, habe ein günstiges Klima für eine Annäherung geschaffen, sagt die jüdische Arabischlehrerin Lea Zabari. «Menschen, die sich sonst aus dem Weg gehen, kommen am Spielfeld zusammen und bilden eine Gemeinschaft, indem sie ihre gemischte Mannschaft anfeuern.»

Wörter, die sich gleichen

Wie die Buben ihr Verhalten allmählich veränderten, konnte Chaim Nadler seit den ersten Treffen beobachten. «Die arabischen Kinder gaben sich zunächst scheu und verschlossen, sie zeigten kaum Selbstbewusstsein. Manche fühlten sich offenbar minderwertig.»

Mangelhafte Kenntnisse der anderen Sprache hätten die Aufgabe nicht gerade erleichtert. Während sich arabische Kinder in Wadi Ara mit 13 Jahren bereits gut auf hebräisch unterhalten können, tun sich die jüdischen Israeli mit der Sprache des Nachbarn schwerer, lehnen sie manchmal auch ab. An dieser Stelle waren Betreuer und Kulturvermittler gefordert: Gemeinsam habe man sich mit den Sprachen beschäftigt, dabei geholfen, Berührungsängste zu überwinden. Die Kinder sollten erkennen, wie viele Wörter sich gleichen, sagt Nadler. «Arba zum Beispiel ist in beiden Sprachen das Wort für die Ziffer Vier und auch den Begriff Medina teilen wir, bei den Arabern bedeutet er Stadt, bei uns Staat.»

Fussball bleibt zwar Nadlers Leidenschaft, letztlich bereitet das Training aber auch das Terrain für die gemeinsame Bildung: Freiwillige arabischer und jüdischer Herkunft machen die Kinder beispielsweise mit dem Computer vertraut und vermitteln Lernhilfe. Diese kostenfreien Stützkurse ausserhalb des Schulunterrichts erfreuen sich vor allem bei den arabischen Kindern regen Zuspruchs. «Das zeigt», sagt Shlomo Jakubovitz, «bei uns geht es um viel mehr als um Fussball.»

An der Grenze zum Westjordanland: Blick auf die Stadt Umm al-Fahm in der Nähe von Wadi Ara.

An der Grenze zum Westjordanland: Blick auf die Stadt Umm al-Fahm in der Nähe von Wadi Ara.

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