Der Fürst greift nach Prager Burg

Langatmige Festreden machen den Fürsten schläfrig, zuweilen ist auch ein leises Schnarchen zu vernehmen, das dann manch honorigen Vorredner irritiert stottern lässt.

Drucken
Teilen
Gewinnt Karel Schwarzenberg die Stichwahl in zwei Wochen, ist er der neue Präsident Tschechiens. (Bild: ky/Matej Divizna)

Gewinnt Karel Schwarzenberg die Stichwahl in zwei Wochen, ist er der neue Präsident Tschechiens. (Bild: ky/Matej Divizna)

Langatmige Festreden machen den Fürsten schläfrig, zuweilen ist auch ein leises Schnarchen zu vernehmen, das dann manch honorigen Vorredner irritiert stottern lässt. Abgesehen davon, dass sich ein Mann von 75 Jahren derlei menschliche Schwäche erlauben darf: Man kann auch einen dösenden Karel Schwarzenberg erleben, der im Moment des Aufrufs an das Rednerpult hellwach ist und eine Stegreifrede hinlegt, die vor Geist und Witz nur so sprüht. Die Tschechen nennen den amtierenden Aussenminister halb respektvoll, halb spöttisch schlicht «den Fürsten». Jetzt greift Karel Schwarzenberg, der sowohl die tschechische als auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, nach der Prager Burg. Nur noch eine Hürde trennt ihn vom Höhepunkt seines erstaunlichen Lebenswegs: Er muss bei der Stichwahl Ende Januar seinen linken Herausforderer Milos Zeman schlagen, dann ist Schwarzenberg neuer Präsident Tschechiens. Er ist vielleicht die Vaterfigur, nach der sich die Tschechen sehnen, die den Ruf des Landes, das im Rest der EU fast nur noch durch Korruptionsaffären wahrgenommen wird, wiederherstellt.

Früher Bekannter von Vaclav Havel

Den Schweizer Pass verdankt Schwarzenberg seinen Eltern, die nach der kommunistischen Machtergreifung emigrierten. Karel, 1937 in Prag geboren, war damals elf Jahre alt, und kam nach Österreich. Ein kinderloser Onkel adoptierte den Neffen, liess ihn Jura und Forstwirtschaft studieren und erzog ihn zum Familienoberhaupt. Die Vertreibung seiner Familie war sein Motiv, in die Politik zu gehen. Er wollte nach dem Sturz der Kommunisten 1989 helfen, in der Tschechoslowakei die Demokratie aufzubauen. Den regimekritischen Schriftsteller Vaclav Havel kannte Schwarzenberg schon zu kommunistischer Zeit, als er ihn als Menschenrechtsaktivist betreute.

Seit 2007 Aussenminister

Der spätere Präsident Havel machte den fürstlichen Freund dann zu seinem Kanzler und engsten Berater. Doch Schwarzenberg hatte nach drei Jahren den intriganten Hofstadl auf der Prager Burg satt, vor allem wegen Vorwürfen, er habe seinen Posten dazu benutzt, unter möglichst günstigen Bedingungen die einstigen Besitztümer wieder zurückzuholen.

Die Kritik erwies sich als haltlos, Schwarzenberg verzichtete sogar auf einen Grossteil der Güter, darunter das Stammschloss Orlik.

Doch zog es Karel Schwarzenberg 2004 wieder in die Politik, er liess sich in den Prager Senat wählen, seit 2007 ist er Aussenminister des Landes. Nachdem er zunächst mit den Grünen sympathisierte, gründete Schwarzenberg seine eigene Partei, die rechtsliberale Top 09, die bei der Parlamentswahl 2010 aus dem Stand 17 Prozent der Stimmen eroberte und seither Teil der Koalition ist.

Ein überzeugter Europäer

Schwarzenberg ist überzeugter Europäer und könnte als nächster Präsident Tschechien wieder von der Aussenseiterrolle innerhalb der EU erlösen, in die sie der noch bis März amtierende Präsident Vaclav Klaus mit seiner ausgeprägten EU-Skepsis hineinmanövriert hat. Klaus und Schwarzenberg verachten einander herzhaft, doch ausser ein paar sarkastischen Bemerkungen – beide sind passionierte Spötter – war es nie zu einem Krach gekommen.

Rudolf Gruber

Aktuelle Nachrichten