Der Führer bleibt unberechenbar

Die Realität in dem von der Welt abgeschotteten Nordkorea zu deuten, gleicht stets einer Gratwanderung. Eine erhoffte Öffnung des Landes ist auch mit Kim III. nicht zu erwarten.

Inna Hartwich
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PEKING. Es sind Menschen, die sich in traditioneller Kleidung um sich selbst drehen, Männer und Frauen, die durch Parks spazieren und lächelnd in ihre neuen Mobiltelefone sprechen. Vergnügte, die im Karussell jauchzend heruntersausen. Aber auch Menschen, die abgemagerte Mäuse an ihre Babies verfüttern, die der Exekution der eigenen Mutter beiwohnen, die kopfüber tot an einem Stahlseil baumelt.

Gemäss den Regeln des Regimes

Ein fröhliches Nordkorea. Ein tödliches Nordkorea. Ein Nordkorea, das letztlich niemand wirklich kennt. Ein Land, das Nachrichten aussendet, die allzu oft wie von einem anderen Planeten zu kommen scheinen. Bilder, die diese abgeschottete Diktatur zeigt, weil sie sie zeigen will. Was sie nicht zeigt, darüber erzählen andere, Geflohene, Gedemütigte, Ermattete. Was haben die zwei Jahre der Herrschaft des jungen Kim Jong Un gebracht? Die Deutung bleibt eine Gratwanderung, weil die Realität, wie wir sie kennen, in Nordkorea keine Handhabe hat.

Als im Dezember 2011 der «geliebte Führer» Kim Jong II. einem Herzfehler erlag, hatten sieben hochrangige Beamte samt seinem Sohn, dem jetzigen Herrscher Kim Jong Un, seinen Sarg begleitet. Von diesen sieben Beamten tauchen heute nur noch zwei offiziell auf. Das dürfte bedeuten, dass die übrigen entlassen oder umgebracht wurden, wie es erst im vergangenen Dezember mit Kims einflussreichem Onkel Jang Song Thaek geschah.

Der junge Diktator «räumte auf». In der Logik einer Alleinherrschaft musste er das geradezu tun. Wollte Kim der neue wahre Herrscher des Regimes werden, so hat er sich nach den Regeln eines solchen Regimes von der alten Garde seines Vaters befreien müssen. Die Geschwindigkeit und die Heftigkeit, mit der er dies tat, überraschten allerdings.

Nach der Armee die Partei

Nach seiner Ernennung für den obersten Posten im Oktober 2010 hatte Kim III. nicht die Zeit, noch zu Lebzeiten seines Vaters ein eigenes Team zusammenzustellen, in dem die Berater nicht doppelt so alt waren wie er selbst. Der plötzliche Tod Kim Jong II. setzte Kim Jong Un unter Druck, seine ihn voll und ganz unterstützende Basis zu bilden. Also säuberte er erst einmal die Armee, bis er mit der Hinrichtung Jangs zu einem vernichtender Schlag gegen die Partei ausholte. Die zunächst fehlende Bestätigung des Volkes holte er sich mit den inszenierten Parlamentswahlen vor rund einer Woche.

Erwartungsgemäss fehlen Jangs Vertraute in der neuen Zusammensetzung, dafür finden sich jüngere «Vertreter des Volkes». Was die neuen Namen aber zu bedeuten haben, können selbst langjährige Kenner des Regimes in Pjöngjang nicht sagen. Unklar ist auch, welche Rolle Kims jüngere Schwester Kim Yo Jong zugedacht ist. Seit einigen Tagen ist die wohl 27-Jährige immer wieder auf Bildern von offiziellen Anlässen zu sehen.

Puffer gegen die USA

Mit der Hinrichtung von Jang strapazierte Kim auch die Geduld der Chinesen. Diese pumpen immerhin mehr als sechs Milliarden Dollar im Jahr in die Mangelwirtschaft des Nachbarn. Peking pocht offiziell zwar auf Frieden auf der koreanischen Halbinsel und betont immer wieder, wie wichtig ein Dialog sei, doch eine Wiedervereinigung mit Südkorea sähe es nicht gern. Das Land braucht die Nordkoreaner als Puffer gegen die USA.

Doch auch die Südkoreaner, deren Wirtschaft um ein Fünfzehnfaches grösser ist als die der Diktatur im Norden, mögen noch so oft offiziell von Wiedervereinigung sprechen, die Mehrheit der Südkoreaner befürwortet sie nicht. Und die Russen, denen das Regime in Pjöngjang knapp elf Milliarden Dollar schuldet, wollen 90 Prozent dieser Forderungen erlassen – in der Hoffnung, mittels so finanzierter Projekte im Bereich Gesundheit, Bildung und Energie politischen Einfluss auf Kims Führungsstil zu nehmen. Dieser aber bleibt unberechenbar.