«Der Befehl kam von Karadzic»

Einen Freispruch hat er erwartet, zu 40 Jahren Gefängnis wurde er verurteilt: Das Urteil gegen den Ex-Serbenführer Radovan Karadzic wird den Opfern gerecht – aber welchen Einfluss hat es auf den Frieden auf dem Balkan?

Rudolf Gruber
Drucken
Teilen
Karadzic am Donnerstag während der Urteilsverkündung. (Bild: ky)

Karadzic am Donnerstag während der Urteilsverkündung. (Bild: ky)

WIEN. Radovan Karadzic hat zu seinem Urteil noch wenig gesagt. Aber das Wenige nutzte er, um den Westen daran zu erinnern, dass er schon vor Jahrzehnten den islamistischen Terrorismus bekämpft habe: «Selbst nach den Attacken in Paris und Brüssel hat Europa nicht begriffen, mit wem es die bosnischen Serben in den 1990er Jahren zu tun hatten», klagte er in einem Interview mit der Belgrader Zeitung «Vecernje Novosti». Aber statt dies zu würdigen, verurteilt ihn das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu 40 Jahren Gefängnis.

Karadzic hatte den BosnienKrieg 1992–1995 stets damit gerechtfertigt, auf dem Balkan drohe die Gefahr eines «islamischen Staates», wenn sich die christlichen Völker nicht zur Wehr setzten. Ähnlich lautete auch die Propaganda der kroatischen Nationalisten. Die Gefahr ist bis heute minimal geblieben, die bosnischen Moslems sind europäisch geprägt und zeigen sich für radikalen Islamismus nicht empfänglich.

Schuldig in zehn von elf Fällen

Karadzic, erster «Präsident» des bosnischen Teilstaats Republika Srpska (RS), war bis zuletzt von einem Freispruch überzeugt. «Es ist katastrophal», sagte er in demselben Interview, «ich kann nicht glauben, dass ein solches Urteil gefasst wurde.» Mit wachsendem Unbehagen war er am Donnerstag der eineinhalbstündigen Urteilsverkündung des vorsitzenden Richters O-Gon Kwon gefolgt. Das Urteil: Schuldig in zehn von elf Fällen des Völkermords, des Kriegsverbrechens sowie des Verbrechens gegen die Menschlichkeit (Mord, Exekutionen, Folter und Vertreibung gegen bosnische Moslems und Kroaten).

Gemeint sind damit in erster Linie die dreieinhalbjährige Belagerung der Hauptstadt Sarajevo durch bosnisch-serbische Truppen, die 11 500 Tote gefordert hatte, sowie Greueltaten in 20 Gemeinden.

Rund 20 Jahre hinter Gitter

Zwei Anklagepunkte lauteten auf Völkermord, in einem wurde Karadzic freigesprochen: Bei Verbrechen in sieben nordbosnischen Gemeinden habe, so der Richter, ein Genozid nicht nachgewiesen werden können. Wohl aber wurde der Ex-Serbenführer im Fall Srebrenica erwartungsgemäss des Völkermords schuldig gesprochen. Richter Kwon sprach von einem «Plan, die moslemische Bevölkerung auszulöschen». Als Präsident und militärischer Oberbefehlshaber habe Karadzic vom Massenmord an 8000 bosniakischen Moslems gewusst. Denn: «Der Befehl», die ostbosnische UNO-Schutzzone für Flüchtlinge im Juli 1995 mit militärischer Gewalt einzunehmen, «kam von Karadzic», befand das Gericht.

Die moslemische und kroatische Seite Bosniens zeigte sich mit dem Urteil weitgehend einverstanden. Opferorganisationen wie die «Mütter von Srebrenica» sind lediglich enttäuscht, dass das Urteil 21 Jahre nach Kriegsende zu spät komme.

40 Jahre Haft bedeuten für einen 70-Jährigen praktisch lebenslänglich: Acht Jahre Untersuchungshaft und ein Drittel Straferlass bei «guter Führung» angerechnet, stehen Karadzic noch rund 20 Jahre hinter Gitter bevor; vorausgesetzt, das Berufungsgericht bestätigt das Urteil.

Heftige Reaktionen in Serbien

Serbische Politiker und Massenmedien reagierten heftig auf das Urteil: «Den Haag vergewaltigt Serbien», titelte die regierungsnahe Belgrader Boulevardzeitung «Informer».

Es bestätige sich einmal mehr, dass das UNO-Tribunal ein «serbenfeindliches» Instrument des Westens sei. Als besondere Gemeinheit wird dargestellt, dass das «ungerechte» Karadzic-Urteil genau auf den Jahrestag datiert worden sei, an dem vor 17 Jahren Nato-Bomben auf serbische Stellungen den Kosovo-Krieg beendet hatten.

Der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, wiederum befürchtet, das Karadzic-Urteil könnte die bosniakisch-kroatische Seite mit Unterstützung des Westens als Hebel nutzen, der Republika im Sinne der Einheit Bosnien-Herzegowinas das Selbständigkeitsrecht abzusprechen. Bestätigt doch das Haager Gericht indirekt, dass der serbische Teil Bosniens nicht nur das Resultat eines Krieges, sondern nunmehr auch die giftige Frucht des Völkermords ist.