«Der ausgeglichenste Premierminister»

Seine Auftritte gegen Ende des Wahlkampfs hat Premier David Cameron am liebsten nur noch mit offenem Hemdkragen bestritten, die Ärmel hochgekrempelt. «Leidenschaft zeigen, die Lautstärke hochfahren», sei jetzt angesagt, erklärte er dazu. «Ich will den Leuten sagen, was ich wirklich denke.

Sebastian Borger/London
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Seine Auftritte gegen Ende des Wahlkampfs hat Premier David Cameron am liebsten nur noch mit offenem Hemdkragen bestritten, die Ärmel hochgekrempelt. «Leidenschaft zeigen, die Lautstärke hochfahren», sei jetzt angesagt, erklärte er dazu. «Ich will den Leuten sagen, was ich wirklich denke.» Die Frage stellte sich allerdings: War es dafür nicht schon zu spät? Die Umfragen sassen Cameron im Nacken.

Gleichmütig und hart arbeitend

Fünf Jahre in der Downing Street haben dem Putto-Gesicht des 48jährigen Regierungschefs zwar ein paar Falten hinzugefügt. Die Körpersprache aber hat sich kaum verändert. Wenn Cameron als Staatsmann auftritt, hochgewachsen im Massanzug, rhetorisch brillant, kühl bis in die Haarspitzen, wirkt er wie geschaffen für den Posten des Premierministers Ihrer britannischen Majestät. Was lange Zeit Eindruck machte, wurde ihm von Kritikern aber je länger desto mehr vorgeworfen. Dem Absolventen des Elite-Internats Eton und der Elite-Universität Oxford sei ja Zeit seines Lebens alles in den Schoss gefallen, hiess es. Das Amt mache ihm Spass, der politische Streit weniger.

Dass der Eindruck entstehen könne, räumte Cameron selbst ein. «Ich weiss auch nicht, was das ist», vertraute er der konservativen intellektuellen Wochenzeitschrift «Spectator» an. «Ich wirke eben immer gleichmütig, dabei arbeite ich sehr hart.» Jeden Tag sitzt der Regierungschef der sechstgrössten Industrienation der Welt ab 5.30 Uhr zwei Stunden am Schreibtisch, ehe er mit seiner Frau Samantha und den drei Kindern (11 bis 4 Jahre) frühstückt. Die Beamten der Regierungszentrale loben ihren Chef: Der arbeite brav seine Akten ab, treffe klare Entscheidungen und habe es doch geschafft, dem Terminkalender regelmässige Freiräume – «meine Denkzeit» – abzutrotzen. Er sei, schrieb die «Times»-Kolumnistin Janice Turner in einer glänzenden Charakterstudie, «wohl der emotional ausgeglichenste Premierminister, den wir je hatten». Doch folgte dem Kompliment gleich die Einschränkung: Genau deshalb kämpfe er nicht entschlossen um eine Fortsetzung seiner Amtszeit.

Zu Beginn in der Defensive

Dieser Eindruck hatte auch damit zu tun, dass sich Cameron gleich zu Beginn des Wahlkampfes einen groben Fehler leistete. In entspannter Atmosphäre, beim Kochen am heimischen Herd, gestand der Premierminister einem BBC-Mann, wie vieles im Leben hätten auch Politiker ihr Verfallsdatum: «Zwei Amtszeiten sind gut, drei eigentlich zu viel», sagte er. Die eigentlich sympathische Ehrlichkeit löste sofort wilde Spekulationen über mögliche Nachfolger im Amt des konservativen Parteichefs aus. Vor allem aber hatte Cameron so getan, als habe er die zweite Amtszeit schon auf sicher.

Das war zu jener Zeit weit gefehlt. Der stets als Schwächling und als ungelenker Streber verhöhnte Oppositionsführer Edward Miliband entpuppte sich im Wahlkampf als harter Konkurrent. Und prominente Torys wie Londons Bürgermeister Boris Johnson oder Innenministerin Theresa May fielen durch übermässig aggressive Sprüche negativ auf. Vor allem aber schien die zentrale Botschaft der konservativ-liberalen Koalition zunächst nicht zu verfangen: mit uns wirtschaftliche Kompetenz, mit der Konkurrenz nur Chaos. So hat es Cameron der Wählerschaft immer wieder eingehämmert: Miliband und seine Labour-Party stellten «eine klare Gefahr für die britische Wirtschaft» dar.

Die vielen Versprechen wirkten

Doch in den Geldbeuteln merkten die Briten bislang noch nichts von der positiven wirtschaftlichen Bilanz der Cameron-Regierung; die Erinnerung an sieben magere Jahre mit einem Rückgang der Realeinkommen blieb frisch. Er verstehe das ja, sagte Cameron: «Die Leute denken sehr genau nach.»

Den Denkprozess wollte der Premier dann mit immer neuen Versprechen in die richtige Richtung lenken. Er schloss eine Erhöhung der Einkommens- und Mehrwertsteuer für fünf Jahre aus, versprach sogar eine gesetzlich verankerte Steuerbremse darauf. Mieter von Genossenschaften sollen dank grosszügiger Subventionierung ihre Wohnung kaufen können, berufstätige Eltern kleiner Kinder erhalten bis zu 30 Stunden Krippenbetreuung pro Woche kostenlos. Auch das nationale Gesundheitssystem NHS wolle er stärken, versprach Cameron. Wie all diese Wohltaten finanziert werden sollen, blieb zwar offen, doch verfehlten die Versprechen ihre Wirkung nicht. Vielleicht auch darum, weil Cameron am Ende plötzlich leidenschaftlich auftrat: «Wir schaffen das.»

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