Der Aufstand der Frauen

Die gezielte Gewalt gegen Frauen bringt Tausende Ägypterinnen auf die Strasse. Doch nicht nur Generäle und Islamisten bedrohen die Frauenrechte. Auch die säkularen Parteien haben versagt.

Markus Symank
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Empörte Frauen demonstrieren in Kairo mit dem Bild der Zeitung «Al Tahrir» zur brutalen Polizeigewalt gegen eine Demonstrantin. (Bild: AP Amr Nabil)

Empörte Frauen demonstrieren in Kairo mit dem Bild der Zeitung «Al Tahrir» zur brutalen Polizeigewalt gegen eine Demonstrantin. (Bild: AP Amr Nabil)

KAIRO. Es braucht viel, bis sich Ägyptens Generäle zu einer Entschuldigung durchringen. Erst unter dem Druck von etwa 10 000 demonstrierenden Frauen und nach einem Rüffel der US-Aussenministerin Hillary Clinton hat der Oberste Militärrat sein «tiefstes Bedauern» über das Verhalten seiner Soldaten gegenüber weiblichen Protestierenden ausgedrückt. Die Armee werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, kündigte der Rat an.

Frauen sind die «rote Linie»

Frauen aller Altersklassen und sozialen Schichten marschierten am Dienstagabend durch die Kairoer Innenstadt und riefen immer wieder «Nieder mit dem Militärrat» und «Die Töchter Ägyptens sind eine rote Linie». Sie reagierten damit auf die brutale Gewalt und die demütigenden Schikanen, mit der Sicherheitskräfte weiblichen Regierungsgegnern zuletzt begegnet waren. Insbesondere die Bilder einer verschleierten Frau, die vor dem Regierungsgebäude in Kairo von Bereitschaftspolizisten geschlagen, über die Strasse geschleift und dabei halb entblösst wurde, hat viele Ägypterinnen auf die Barrikaden gebracht. Aktivistinnen werfen den Militärs vor, ganz gezielt den Willen weiblicher Demonstranten brechen zu wollen.

Ein skandalöses Video

Auch in konservativen Kreisen lösten die als «Blauer-BH-Skandal» bekannt gewordenen Videoaufnahmen Empörung aus. Von den islamistischen Parteien, die aller Wahrscheinlichkeit nach als Sieger aus den Parlamentswahlen hervorgehen werden, können die Aktivistinnen dennoch kaum Unterstützung erwarten. Sie machen lieber mit angeblichen Moral-Geboten von sich reden als mit Initiativen gegen sexuelle Belästigung oder Diskriminierung am Arbeitsplatz. Die extremen Salafisten weigern sich sogar, Bilder ihrer verschleierten Parlamentskandidatinnen auf Wahlplakaten abzudrucken.

Frauenfreies Parlament?

Wenig hilfreich ist auch, dass viele Ägypter Frauenrechte vor allem mit der gestürzten Staatspartei in Verbindung bringen. Ägyptens ehemalige First Lady Suzanne Mubarak hatte sich selbst zur Vorreiterin der Geschlechtergleichstellung gemacht und viele Frauenrechtsgruppen gegründet. Und ihr Mann setzte gegen heftigen Widerstand eine Frauenquote im Parlament durch.

Nur so ist zu erklären, dass auch liberale Parteien kaum Frauen in die Wahlen schicken. Gamila Ismail, eine der einflussreichsten Politikerinnen des Landes, trat gar aus ihrer Partei aus, als diese sie nur auf Platz drei der Kandidatenliste führen wollte – hinter zwei unbekannten Männern. «Wir Frauen haben eine wichtige Rolle während und nach der Revolution gespielt und brauchen uns diese Behandlung nicht bieten zu lassen», sagte sie in einem Fernsehinterview. Nach zwei von drei Wahlrunden hat nicht eine Frau auf direktem Weg den Einzug ins Parlament geschafft.

Zensur statt Veränderung

Aktivistinnen hoffen, dass sich die Frauensolidarität in politischem Umdenken niederschlägt. Vom Militärrat dürfen Frauen aber kaum mehr als Lippenbekenntnisse erwarten: Während der Ausschreitungen der vergangenen sechs Tage machten Polizei und Armee gezielt auch Jagd auf Kameraleute. Sie drangen in Büros mehrerer TV-Sender ein, konfiszierten Aufnahmen und zerstörten Kameras. «Das Militär will einen zweiten <Blauen-BH-Skandal> um jeden Preis verhindern, ohne sein Vorgehen zu ändern», sagte ein Aktivist.