Der Anti-Politiker erklimmt die Macht

Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten hält sich an keine Spielregeln. Sein Aufstieg folgte bisher einem Drehbuch, für das es in den USA keine Vorlage gab.

Thomas Spang/New York
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Der verzögerte Gang, das vorgestreckte Kinn und das Haifisch-Grinsen – Donald Trump überlässt bei seinen Auftritten wenig dem Zufall. Auch in der Nacht des Triumphs nicht. Der 70-Jährige liebt die Siegerpose, die er gegen drei Uhr früh vor seinen Anhängern im New Yorker Hilton-Hotel einnimmt. «Die vergessenen Männer und Frauen dieses Landes werden nicht länger vergessen bleiben», verkündete der Wahlsieger, der mit dem Instinkt eines Marketingexperten eine Stimmung aufspürte, die das politische Washington lange Zeit ignoriert hatte. Das war schon seine Stärke bei den Vorwahlen der Republikaner und erwies sich nun auch in der Auseinandersetzung mit Hillary Clinton als wertvoll.

Andere mögen daran gezweifelt haben, dass der Milliardär, dem jede politische Erfahrung fehlt, für das wichtigste politische Amt der Welt qualifiziert sei. Trump selber hat nie daran gezweifelt. «Ich bin Eure Stimme. Nur ich allein kann die Dinge wieder in Ordnung bringen», erklärte er verschiedentlich.

Er liess sich in einem silbernen Cadillac durch die Stadt fahren

In der Welt Donald Trumps können immer nur die anderen die «Loser» sein. Er selber sieht sich als Gewinner-Typ. Er versprach den Amerikanern, dass der Erfolg auf sie abfärben würde, wenn sie ihn ins Weisse Haus schicken. Das ist der Appeal seines Versprechens «Amerika wieder grossartig zu machen», das ihn vom Aussenseiter bei den Vorwahlen der Republikaner zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten aufsteigen liess. Mit sicherem Instinkt kanalisierte Trump die Wut der weissen Kleinbürger und Arbeiter gegen das Establishment. Er spielte mit den Ängsten, Sorgen und Wünschen dieses Wählersegments, das sich von der Globalisierung bedroht fühlt. Trump verkörpert die Sehnsüchte der Verlierer und derjenigen, die sich als solche betrachten. «Ich werde so viel siegen, dass es Euch langweilig wird», versprach Trump in seinen mäandernden Reden, in denen er sich als Gottes Geschenk an Amerika verkaufte. «Es gibt niemanden wie mich, niemanden», gehört zu den Sätzen, mit denen der Kandidat seine Marke wie ein Waschmittel-Verkäufer anpreist. Der Mann, der überall seinen Namen anbringt, glaubt an seine eigene Herrlichkeit. Für den Psychologen George Simon ist Trump ein «Lehrbuchfall von Narzissmus».

Eine Erklärung für die Selbstfixierung Trumps könnte die Strenge seines Vaters Fred sein, der in Queens und Brooklyn ein Imperium mit 27 000 Mietwohnungen aufgebaut hatte. Der autoritäre Vater schickte den dreizehnjährigen Donald zur Disziplinierung auf eine Militärakademie am Hudson River. Dort musste er Uniform tragen, strammstehen, und sich von ehemaligen Feldweibeln zusammenbrüllen lassen.

Der Vater bewunderte aber auch die «Killer-Instinkte» Donalds, die ihn von seinem älteren Bruder Robert – einem Schöngeist – und Fred, eines in jungen Jahren verstorbenen Alkoholikers, unterschieden. Er war mit gerade einmal 26 Jahren der auserkorene Erbe der Trump-Organisation. Nach Studium in der Bronx und der Wharton-Business School begab er sich in die Fussspuren des Firmengründers.

Mitte der 1970er-Jahre weitete Trump das Geschäft in Manhattan aus. Er liess sich in einem silbernen Cadillac durch die Stadt chauffieren, vergnügte sich in den edelsten Clubs mit hübschen Models und füllte die Klatschspalten der Boulevardpresse. 1983 setzte er sich mit dem 202 Meter hohen Trump-Tower nahe dem Central Park ein Denkmal, für das er die Steuerzahler kräftig zur Kasse bat. Ende der 1980er-Jahre übernahm sich Trump jedoch in Atlantic City mit dem für eine Milliarde Dollar errichteten Spielkasino «Taj Mahal».

Der Baumagnat hatte die Warnung von Analysten in den Wind geschlagen, die meinten, der Markt in dem Badeort an der Küste New Jerseys sei für sein als «achtes Weltwunder» angepriesenes Projekt nicht gross genug. Der Trump-Organisation drohte der Bankrott. Aber wieder hatte Donald Glück. Die Banken wollten das geliehene Geld nicht abschreiben, sondern retteten den Bauunternehmer vor dem Konkurs. Kurz darauf ging seine Ehe mit seiner ersten Frau Ivana zu Ende. Die New York Post hatte über seine Affäre mit der Schauspielerin Marla Maples berichtet. Die Schlagzeile: «Der beste Sex meines Lebens.»

Das Kind, das auf Geburtstagspartys Kuchen warf

Mit der zweiten Frau, die Trump 1993 ehelichte, änderte er sein Geschäftsmodell. Fortan vermarktete er seine Berühmtheit. Die Risiken des Bauens überliess er überwiegend anderen. Trump orientierte sich in das Showgeschäft um und spielte wiederholt mit dem Gedanken, in die Politik einzusteigen. Als er am 16. Juni vergangenen Jahres mit seiner inzwischen dritten Ehefrau Melania die goldene Rolltreppe des Trump Towers herunter schwebte, um seine Präsidentschaftskandidatur bei den Republikanern anzukünden, nahm seine Bewerbung kaum jemand ernst.

Es dauerte eine Weile, ehe seine Mitbewerber und die Presse realisierten, wie sehr der Kandidat einen Nerv bei den Republikanern traf. Was andere Konservative zwischen den Zeilen sagten, sprach er direkt aus. Gegen den Vorwurf des Rassismus und Sexismus immunisierte sich Trump mit dem Argument, der Ernst der Lage erlaube keine «politische Korrektheit». Unbekümmert hetzte er gegen Moslems und Mexikaner. Die einen will er an der Einreise hindern und die anderen mit einer Mauer fernhalten. Er versprach, elf Millionen Einwanderer ohne Papiere zu deportieren, mutmassliche Terroristen zu foltern und deren unschuldigen Familien zu bombardieren. Frauen, die abtreiben, will er bestrafen.

Viele republikanische Führer versuchen den Erfolg des «Ich»-Kandidaten schönzureden. Sie verbreiten Zweckoptimismus: Der Präsident werde sich schon irgendwie zum Mannschaftsspieler entwickeln. Robert Trump kennt seinen jüngeren Bruder jedoch anders. Dass er sich an Regeln halte oder von anderen kontrollieren lasse, passe nicht zu dessen Charakter. «Donald war das Kind, das auf Geburtstagsfeiern den Kuchen warf.» Die Mehrheit der Wähler fand genau das attraktiv. Der Rest der Welt sollte sich darauf nun einstellen.

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