Die grösste Mordserie Deutschlands seit dem Krieg

Ein heute ­ 42-jähriger ehemaliger Krankenpfleger muss für 85-fachen Mord lebenslang ins Gefängnis. Vor dem Gericht zeigte der Angeklagte Högel Reue.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Kurz vor Weihnachten im Jahr 2002, davon ist der Vorsitzende Richter nach dem Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel überzeugt, begann die unfassbare Mordserie. In einer Klinik in Delmenhorst bringt der erst gerade eingestellte Pfleger seinen ersten Patienten um. Es sollten Dutzende weitere Morde folgen, bis Arbeitskollegen den Krankenpfleger im Juni 2005 auf frischer Tat ertappten. Högel hat seinen Patienten unterschiedliche Medikamente gespritzt, um sich bei einer anschliessenden Reanimierung als Retter zu präsentieren. Gestern nun verurteilte ihn das Landge­richt Oldenburg wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft. Weil das Gericht zudem die besondere Schwere der Schuld ­feststellte, kann Högel nicht nach 15 Jahren Haft vorzeitig entlassen werden.

Högel war in dem Prozess wegen Mordes in 100 Fällen angeklagt. In 15 Fällen wurde der Angeklagte freigesprochen. Der ehemalige Krankenpfleger hatte selbst 43 Taten eingeräumt. Vor dem Prozess wurden insgesamt 332 Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts gegen den Mann durchgeführt.

Erinnerungen an ­ Luzerner «Todespfleger»

Der Angeklagte zeigte in seinem Schlusswort Reue. «Bei jedem Einzelnen möchte ich mich aufrichtig für all das, was ich Ihnen über Jahre angetan habe, entschuldigen», sagte Högel. Ihm sei während des Prozesses klar geworden, wie viel Leid er durch seine «schrecklichen Taten» verursacht habe. Högel entschuldigte sich auch bei seinen ehemaligen Pflegekolleginnen- und -kollegen und appellierte an die Öffentlichkeit, seinen Fall als Einzelfall anzusehen und der Arbeit der unzähligen Krankenpfleger im ganzen Land weiterhin zu vertrauen. Die Opferseite nahm dem Angeklagten seine Reue nicht ab, da er diese scheinbar reglos von einem Blatt Papier abgelesen hatte. Die Urteilsverkündung leitete der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann mit den Worten ein: «Es ist unfassbar, was Sie getan haben, ich kann es nicht fassen, was Sie getan haben. Manchmal reicht die schlimmste Fantasie nicht aus, um zu beschreiben, was Sie getan haben.»

Der Fall erinnert an die Mordserie des Luzerner «Todespflegers» Roger A. Der Mann arbeitete als Pfleger in verschiedenen Alters- und Pflegeheimen in der Innerschweiz, darunter im Altersheim Eichhof in Luzern. Er wurde 2005 vom Luzerner Kriminalgericht wegen Mordes in 22 Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Opfer, die er zwischen 1995 und 2001 getötet hatte, waren vor allem pflegebedürftige alte Menschen. Der Verurteilte gab an, aus Mitleid gehandelt zu haben. Roger A. geht als der Serienmörder mit den meisten Opfern in die Schweizer Kriminalgeschichte ein.