Den Zyprioten bleibt nur noch das Beten

Im Inselstaat geht die Angst um: Erzbischof Chrysostomos hofft nun auf ein Treffen mit den Russen.

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Berstend voll ist die orthodoxe Kirche im gutbürgerlichen Ort Strovolos bei Nikosia beim Gottesdienst – wie alle Kirchen im krisengeplagten Zypern. «Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Jetzt fühle ich mich wieder etwas besser, erleichtert», sagte Maria Prodromou gestern nach dem Kirchgang. Sie ist nicht die einzige: Viele Zyprioten besinnen sich in diesen dramatischen Tagen auf den Glauben an Gott. Selbst die Kinder ahnen Böses, wenn sie an die Zukunft ihres Landes denken. «Wir werden hungern. Ich will nicht, dass meine Eltern ihren Job verlieren und wir die Rechnungen für Strom und Wasser nicht mehr bezahlen können. Vielleicht verlieren wir unser Haus. Das alles macht mir Angst», sagt die 12jährige Loula.

Der anfänglichen Wut folgt jetzt die Verzweiflung. Kein Wunder: Das Land ist in höchster Not, es steht am Abgrund. Seit über einer Woche sind alle Geldinstitute zu. Aus Angst vor einem Bankensturm sah sich Zyperns Regierung zu diesem drastischen Schritt gezwungen, nachdem die Eurogruppe eine Zwangsabgabe auf alle Spar- und Termineinlagen beschlossen hatte.

Russische Gelder als rotes Tuch

Am späten Freitagabend beschloss das Parlament zur Verhinderung einer massiven Kapitalflucht zudem weitreichende Kapitalverkehrskontrollen. Demnach gelten bis auf weiteres Beschränkungen bei Geldabhebungen sowie Beschränkungen oder gar Verbote für Kontoeröffnungen, den bargeldlosen Zahlungsverkehr und Überweisungen ins Ausland. So wird der allenthalben befürchtete Bankenrun wohl ausbleiben. Viel Geld werden die Sparer nicht abheben können.

Auf die Kleinsparer hat es die potenzielle Geldgeber-Troika aus EU, EZB und IWF ohnehin nicht abgesehen. Schon alleine die jüngste Ankündigung einer Zwangsabgabe hat nach einhelliger Einschätzung in Zypern aber ausgereicht, um das eigentliche Troika-Ziel zu erreichen: Zyperns überbordenden Bankensektor radikal zu stutzen. «Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen», ist von Finanzexperten dazu zu hören. Ein rotes Tuch für die Zypern-Retter: die auf der Insel deponierten russischen Gelder.

Die Troika-Strategie stösst auf wenig Anklang. Einer, der besonders trotzig gegen den Tod der einheimischen Finanzindustrie kämpft, ist ausgerechnet ein Kirchenmann: Zyperns mächtiger Erzbischof Chrysostomos II., der sich zuletzt offen für die Option eines Euro-Austritts stark machte. Er wird sich am Donnerstag mit russischen Unternehmern treffen, die auf Zypern aktiv sind. «Ich will dafür werben, dass sie das Land nicht verlassen.»

Staatspräsident im Gegenwind

Er wolle die Russen mit dem Argument überzeugen, dass sie in den vergangenen Jahren deutlich höhere Sparzinsen eingestrichen hätten, sagt der Erzbischof. Mit der Zwangsabgabe würden die Zinserträge einiger Jahre zwar auf einen Schlag vernichtet, «aber in anderen Ländern tendieren die Sparzinsen schon seit lange gegen null». Ob sich die russischen Unternehmer davon überzeugen lassen werden, bleibt abzuwarten. Ein in Limassol lebender Russe sagte gestern: «Sobald die Banken öffnen, ziehe ich mein Geld ab und bringe es woanders hin – ausserhalb Zyperns.»

Derweil bläst Zyperns frischgewähltem Staatspräsidenten Nikos Anastasiades im Inland eine steife Bise entgegen. Die Rufe nach einem Troika-Rauswurf werden immer lauter. «Die Zeit ist reif, sich von der Troika abzunabeln. Sie hat gezeigt, dass sie nicht mit Wohlwollen nach Zypern gekommen ist», erklärte Stavros Malas von der linken Akel-Partei. Malas hatte bei der Stichwahl um das Präsidentenamt gegen Anastasiades 42 Prozent erhalten.

Derweil wurde bekannt, dass eine für Dienstag vorgesehene Rekrutenübung kurzerhand abgesagt worden ist. Die Begründung der zypriotischen Streitkräfte: die Krise im Land. Unweigerlich erinnerten sich viele an 1974, als die Invasion der Türken in den Norden der Insel die einheimischen Streitkräfte unvorbereitet traf. In Nikosia gilt jetzt ohnehin: Es hilft nur noch Beten. Ferry Batzoglou, Nikosia

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