Den deutschen Grünen ins Gewissen geredet

BERLIN. Die Grüne Partei Deutschlands ist in einem bedenklichen Zustand: zerstritten, profillos, mit einer blassen Führungsriege. Just in dieser Situation publizierte der grüne Ex-Anführer Jürgen Trittin sein Buch «Stillstand made in Germany».

Fritz Dinkelmann
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BERLIN. Die Grüne Partei Deutschlands ist in einem bedenklichen Zustand: zerstritten, profillos, mit einer blassen Führungsriege. Just in dieser Situation publizierte der grüne Ex-Anführer Jürgen Trittin sein Buch «Stillstand made in Germany». Geschrieben im Unruhestand, rechnet Trittin mit der Grossen Koalition ab und beschreibt eine grüne Bewegung, die ebenfalls ins Stottern geraten ist. Brauchen die Grünen also neuen Wind mit dem alten 60jährigen Kapitän Trittin? Die Frage hört er oft und lächelt spöttisch bei der Antwort: «Ich bin Abgeordneter der Grünen im Wahlkreis Göttingen, und mir macht die Arbeit im Auswärtigen Amt Spass.»

«Eine Rechtsverschiebung»

Seit der Bundestagswahl ist er ein Hinterbänkler, aber SPD-Chef Sigmar Gabriel hat ihn nicht abgeschrieben, sonst hätte er Trittins Buch bei der Vernissage nicht – voller Lob – vorgestellt. Es wirkte wie ein Signal für rot-rot-grüne Pläne, für deren Umsetzung es bei Linken, Sozialdemokraten und Grünen Köpfe über Köpfe braucht, die dieses Projekt überzeugend angehen können. Was mit dem Aufschwung der Alternative für Deutschland (AfD) noch schwieriger geworden ist. Trittin befürchtet, dass der von ihm diagnostizierte Stillstand der Grossen Koalition («Biedermeier 2.0») zu einer «Rechtsverschiebung» führen könnte mit einer Union, die wegen der AfD nach rechts rückt und das so kräftig, dass Mehrheiten links der Mitte unmöglich werden könnten. Gabriel wisse das auch, schreibt Trittin, und Kanzler einer rot-rot-grünen Regierung könne er nur werden, wenn sich Linke, SPD und Grüne jetzt «ausreichend» aufeinander zubewegten.

Was inhaltlich auch begründbar ist, folgt man Trittins These, dass Deutschland eine Politik des «Ökologischen Materialismus» brauche, weil «Ökologie ist Gerechtigkeit» – so das Fazit einer vielfältigen und überwiegend ideologiefreien Analyse einer Republik, deren Regierung fast tatenlos geschehen lasse, was sie herausfordern müsste: ungebremstes Wachstum, keine entschlossene Umsetzung der Energiewende, Klimaschutz als Lippenbekenntnis. Obwohl klar sei, dass dieses Wachstum die Lebensgrundlagen zerstöre und die «globale ökologische Ungleichheit» zu grossen und letztlich auch Demokratie gefährdenden Krisen führe. Für Trittin sind «Klimawandel und Ungleichheit» die «beiden grossen historischen Herausforderungen unserer Zeit». Aber es sei völlig falsch, dem Volk mit «Warnungen und Drohungen» Angst zu machen. Die Leute müssten von der Notwendigkeit einer umfassenden sozialen und ökologischen Transformation überzeugt werden. Und zwar nicht so wie im Bundestagswahlkampf, als die Grünen sich «in der Pose der moralischen Überlegenheit» präsentierten.

Nicht vom hohen Ross herab

Ohne Moral geht es nicht, sagt Trittin, aber «Moral ist noch keine Politik». Und wer sie vom hohen Ross predige, der müsse sich dann halt das T-Shirt ansehen, mit dem ihr damals propagierter «Veggie-Day» parodiert wurde: «Wenn es kein Fleisch mehr gibt, dann esse ich Vegetarier.» Wenn der «Gutmensch» imagemässig «zum Besserverdienenden» aufschliesse, so Trittin, «ist reichlich was schiefgegangen». Obwohl die Mehrheit im Land «empathisch» sei, «ökologisch interessiert und ansprechbar». Die Grünen müssten nicht für die Abschaffung des Kapitalismus kämpfen, aber «für ein System, das sich nicht selbst zerstört». Und laut widersprechen, wenn Politik pauschal als «korrupt, unfähig und bürgerfern» disqualifiziert werde.

Jürgen Trittin: Stillstand made in Germany, Gütersloher Verlagshaus, 2014, 255 S., Fr. 29.90