Demokraten sollten dem Volk vertrauen

Die Entschlossenheit der Aufständischen in Ägypten ist längst nicht mehr zu ignorieren. In den Hauptstädten der grossen Demokratien überwiegen jedoch die Ängste vor den Folgen eines möglichen Umsturzes. Eine Haltung, die jene Risiken verstärkt, die gebannt werden sollen.

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Mitten in der Menschenmenge ein Panzer der ägyptischen Streitkräfte. Die Armee verkündete im staatlichen Radio, «gegen das grosse ägyptischen Volk niemals Gewalt anzuwenden». (Bild: dpa/Hannibal Hanschke)

Mitten in der Menschenmenge ein Panzer der ägyptischen Streitkräfte. Die Armee verkündete im staatlichen Radio, «gegen das grosse ägyptischen Volk niemals Gewalt anzuwenden». (Bild: dpa/Hannibal Hanschke)

Seit über einer Woche weichen in den ägyptischen Städten immer mehr Menschen nicht mehr von ihrer Forderung ab: «Weg mit dem Despoten». Es sind Junge, Alte, Männer im Anzug und viele Frauen – mit und ohne Kopftuch. Sie fordern, was den Europäern und Amerikanern seit Generationen billig ist: Freiheit! Doch dieses Recht ohne Wenn und Aber auch dem ägyptischen Volk zuzugestehen, scheuen sich die Hüter der freien Welt noch immer.

Worthülsen statt Positionen

Es wird gezögert, laviert, gezaudert. Die Europäische Union fordert vom Mubarak-Regime gleichsam als Echo auf die Worthülsen aus Washington Meinungsfreiheit und Reformen ein. Als wären plötzlich alle der Schweizer Neutralität verpflichtet, wählen sie von Angela Merkel in Berlin über Nicolas Sarkozy in Paris bis Barack Obama in Washington fast die gleichen Formulierungen wie auch Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey in Bern.

Oder ist die Weigerung des Westens, der sich doch als Hüter der Demokratie versteht, Hosni Mubarak endlich offen zum Rücktritt aufzufordern, einer anderen, zynischen Haltung geschuldet – jener, als es in Washington über den früheren irakischen Diktator Saddam Hussein noch hiess: «Er ist ein Schweinehund, aber er ist unser Schweinehund.» Hosni Mubarak, der verlässliche Freund der USA, Europas und Israels, garantiert doch seit Jahrzehnten relative Ruhe im Nahen Osten – und sei es Friedhofsruhe.

Kein Grund, ein Volk zu verraten

Da werden hehre Motive ins Feld geführt. Es gelte die Sicherheit Israels und den kalten Frieden zwischen Kairo und Jerusalem zu garantieren, einen islamischen Gottesstaat zu verhindern – diesen zu hohen Preis, den man für den Sturz des Schahs von Persien bezahlt habe.

Ja, die Risiken, die ein politischer Umsturz in Ägypten mit sich bringt, sind enorm.

Grund genug sind diese Risiken aber nicht, um ein Volk im Stich zu lassen, das in seiner Mehrheit buchstäblich von der Hand in den Mund leben muss, ein Volk, in dem Millionen Jugendliche keine Perspektive haben, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Die Folgen bedenken

Es lohnte sich aber, über die möglichen Folgen der Solidaritätsverweigerung nachzudenken.

Millionen von Menschen, die sich seit einer Woche unter hohem persönlichen Risiko für einen – zugegeben ungewissen – Aufbruch einsetzen, registrieren genau, wie sich die Demokraten im Westen verhalten. Wenn die arabische Jugend nachhaltig für Freiheit und Demokratie gewonnen werden soll – dann jetzt.

Die reale Alternative ist, diese Jugend den Werbern der Jihad-Ideologen zu überlassen, vor der man sie angeblich ja bewahren will. Walter Brehm

Gibt Rückzug bekannt: Präsident Mubarak während seiner Fernsehansprache gestern Abend. (Bild: ap)

Gibt Rückzug bekannt: Präsident Mubarak während seiner Fernsehansprache gestern Abend. (Bild: ap)

In Aufruhr: Demonstranten fordern in Kairo den Rücktritt Mubaraks. (Bild: Camera Press/Ria Novosti/Andrey Stenin)

In Aufruhr: Demonstranten fordern in Kairo den Rücktritt Mubaraks. (Bild: Camera Press/Ria Novosti/Andrey Stenin)

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