US-Zwischenwahlen
Demokraten haben mehr Geld – hilft das?

Die Demokraten gewinnen das Repräsentantenhaus, sagt Analyst Sean Trende. Im Senat aber hätten sie keine Chance.

Renzo Ruf, Washington
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Jon Bon Jovi und Lady Gaga unterstützten 2016 Hillary Clinton im Wahlkampf.

Jon Bon Jovi und Lady Gaga unterstützten 2016 Hillary Clinton im Wahlkampf.

Keystone

Herr Trende, in zwei Wochen wird in Amerika gewählt. Wer gewinnt die Wahlen für das Repräsentantenhaus?

Sean Trende: Ich gehe davon aus, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückerobern werden, höchstwahrscheinlich mit einem recht knappen Vorsprung. Aber für die Republikaner ist das Rennen noch nicht zu Ende. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie weiterhin die Mehrheit stellen werden, liegt bei 20 Prozent.

Und wie sieht Ihre Prognose für den Ausgang der Teilerneuerungswahl für den Senat aus?

In den vergangenen Tagen sind nur wenige Meinungsumfragen veröffentlicht worden. Ich habe aber das Gefühl, dass die demokratischen Kandidaten in einigen umkämpften Staaten den Anschluss an ihre republikanischen Kontrahenten verloren haben. Die Demokratin Heidi Heitkamp aus dem konservativen North Dakota etwa befindet sich in Schwierigkeiten.

 Sean Trende (45) arbeitet als Wahlanalyst für das Internet-Portal «RealClearPolitics» (RCP), das regelmässig Meinungsumfragen veröffentlicht. Zudem publiziert RCP auch Meinungsartikel führender Kommentatoren. Trende studierte Politologie an der Yale University und Recht an der Duke University. Vor acht Jahren sattelte er nach einer Karriere in diversen Anwaltskanzleien um und heuerte bei RCPals Wahlanalyst an.

Sean Trende (45) arbeitet als Wahlanalyst für das Internet-Portal «RealClearPolitics» (RCP), das regelmässig Meinungsumfragen veröffentlicht. Zudem publiziert RCP auch Meinungsartikel führender Kommentatoren. Trende studierte Politologie an der Yale University und Recht an der Duke University. Vor acht Jahren sattelte er nach einer Karriere in diversen Anwaltskanzleien um und heuerte bei RCPals Wahlanalyst an.

Trumps Beraterin Kellyanne Conway hat sich darüber beklagt, dass viele Wahlprognostiker von einer «blauen Welle» sprächen, einem Erdrutschsieg der Demokraten im Repräsentantenhaus. Dieselben Personen hätten 2016 auch einen Sieg der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton prognostiziert.

Sie hat nicht ganz unrecht mit ihrer Kritik. Im Herbst 2016 glaubten nur ganze wenige Wahlanalysten an einen Sieg von Trump. Dies sollten wir in Erinnerung behalten. Andererseits müssen wir nun nicht jede Meinungsumfrage hinterfragen, bloss weil die Umfragen damals falsch lagen.

Nun ist der Wahlkampf ja noch nicht zu Ende. Welche Rolle spielt Präsident Trump, der in den nächsten zwei Wochen kreuz und quer durchs Land tingeln will?

Es stimmt, dass er Präsenz markiert. Auch scheint er sich etwas besser unter Kontrolle zu haben. Deshalb haben sich seine Zustimmungswerte stabilisiert, wenn auch nur auf tiefem Niveau. Das ist hilfreich für die Republikaner. Aber wenn seine Partei die Mehrheit im Repräsentantenhaus verliert, dann trägt Trump dafür die Verantwortung, weil er schlicht und einfach ein kontroverser Präsident ist, der kontroverse Dinge sagt.

Sie sind also der Meinung, dass eine Stimmabgabe für einen demokratischen Kandidaten auch eine Stimmabgabe gegen Präsident Trump ist?

Ja, der Ausspruch «All politics is local» (auf Deutsch etwa: Letztlich geben lokale Probleme den Ausschlag) hat seine Gültigkeit schon lange verloren. Eine amerikanische Parlamentswahl ist ein Referendum über den Präsidenten und die Partei, die die Macht innehat. Hätte Trump Zustimmungswerte von mehr als 50 Prozent, dann befänden sich die Republikaner nicht in einer derart misslichen Lage.

Und daran ändert selbst die boomende Wirtschaft nichts?

Doch. Trump wäre noch unbeliebter und die Siegeschancen der Republikaner wären noch geringer, wenn die Konjunktur nicht derart stark wachsen würde. Dank der guten Wirtschaftslage sind einige Wähler bereit, über die extremen Aussagen des Präsidenten hinwegzuschauen.

Trump behauptete diese Woche, seine Wahlkampfveranstaltungen seien weit besser besucht als noch im Jahr 2016. Stimmt das?

Danach sieht es im Nachgang zum Bestätigungsverfahren für Richter Brett Kavanaugh aus. Vor allem in republikanisch dominierten Staaten wie Texas oder North Dakota nähern sich die Umfragewerte der Republikaner wieder dem langjährigen Mittel an. In politisch umkämpften Regionen sehe ich diesen Effekt nicht. Dort sind die Demokraten immer noch im Vorteil.

Hat die Kavanaugh-Nomination auch dazu geführt, dass nun mehr demokratische Frauen an die Urne gehen, wollen um ein Zeichen zu setzen?

In dieser Bevölkerungsgruppe war die Bereitschaft, an der Wahl teilzunehmen, bereits vor der Kontroverse um Kavanaugh sehr gross. Daran hat sich nichts geändert.

Die Kandidaten der Demokraten für das nationale Parlament haben bis Ende September deutlich mehr Geld gesammelt als ihre republikanischen Kontrahenten – 1,1 Milliarden Dollar versus 0,7 Milliarden Dollar, gemäss der «Washington Post». Hilft das den Demokraten?

Natürlich spielt Geld in Wahlkämpfen eine wichtige Rolle. Demokratische Kandidaten profitieren davon, dass ihre Kassen gut gefüllt sind, vor allem wenn sie in Landesteilen antreten, in denen sie traditionellerweise die schlechteren Karten haben. Ob der texanische Senatskandidat Beto O’Rourke nun aber 10 Millionen Dollar oder 60 Millionen Dollar besitzt, spielt letztlich keine Rolle.

Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie nicht mit einem Sieg von Beto O’Rourke rechnen?

Ich sage nicht, dass er das Duell gegen den Republikaner Ted Cruz nicht gewinnen kann. Ich sage vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit eines Sieges nicht grösser wird, bloss weil es ihm gelungen ist, innerhalb von drei Monaten 38 Millionen Dollar zu sammeln.

Die meisten Wahlanalysten sagen, dass am 6. November mit einer langen Nacht zu rechnen sei. Welche Auseinandersetzungen werden Sie im Blick behalten?

Meiner Meinung nach werden wir bereits recht früh wissen, woher der Wind weht. In Indiana kämpft der demokratische Senator Joe Donnelly um seine Wiederwahl; im 6. Bezirk von Kentucky will der republikanische Abgeordnete Andy Barr für zwei weitere Jahre gewählt werden. Falls Donnelly ins Hintertreffen gerät, dann können die Demokraten ihre Träume von einer Mehrheit im Senat endgültig begraben. Für Kentucky gilt: Übernimmt die Herausforderin von Barr rasch die Führung, dann werden die Republikaner wohl das Repräsentantenhaus verlieren.

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