«Demografischer Völkermord»: China zwingt Uiguren zu Abtreibungen

Die Regierung in Peking reduziert die Geburtenraten der muslimischen Minderheit. Rund eine Million Uiguren sitzen überdies in Lagerhaft.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Ein mutmassliches Umerziehungslager.

Ein mutmassliches Umerziehungslager.

Keystone

Eine Recherche der Nachrichtenagentur AP belegt, mit welch drakonischen Massnahmen die chinesische Regierung die Geburtenrate der muslimischen Minderheit in Xinjiang drosselt. Der Vorwurf: «Demografischer Genozid». Hunderttausende, vorwiegend uigurische Frauen sollen demnach zu Zwangssterilisationen und -abtreibungen gezwungen worden sein.

AP hat mehrere Dutzend Interviews geführt, darunter auch mit der mittlerweile nach Kasachstan geflüchteten Gulnar Omirzakh: Nachdem die Frau ihr drittes Kind zur Welt brachte, wurde sie von der Regierung dazu aufgefordert, sich eine Verhütungsspirale einsetzen zu lassen. Zwei Jahre später verlangten vier Militäroffiziere in Uniform zudem, dass die Familie eine Strafe von umgerechnet rund 2500 Franken zahlen müsse. Andernfalls würden sie im Internierungslager landen.

Geburtenraten um 60 Prozent eingebrochen

Dass es sich bei Gulnar Omirzakh nicht um ein Einzelschicksal handelt, belegen die Statistiken: Die Geburtenraten in den Regionen Hotan und Kashgar, die hauptsächlich von Uiguren bevölkert sind, brachen zwischen 2015 und 2018 um mehr als 60 Prozent ein. Gleichzeitig ist die Anzahl an Abtreibungen in Xinjiang um das Siebenfache auf 60000 Eingriffe gestiegen, während sie im restlichen Land gesunken ist.

Zwischen den Uiguren und der Kommunistischen Partei herrschten seit jeher krasse Spannungen: Teile der Bevölkerung nehmen die kommunistische Regierung als imperialistische Besetzer wahr, die die rohstoffreiche Region Xinjiang ausbeuten und die Bevölkerung unterjochen. Eine radikale Separatistenbewegung zeichnet zudem für einige der brutalsten Terroranschläge der letzten zwei Dekaden verantwortlich.

Eine Million Uiguren in Lagern eingesperrt

Peking hat daraufhin unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung mit einer systematischen Internierungskampagne reagiert, die in ihrem Ausmass wohl seinesgleichen sucht. Rund eine Million Uiguren aus der abgelegenen Region hatte die chinesische Regierung laut Menschenrechtsorganisationen in Lagern eingesperrt. Insassen, die mittlerweile ausser Landes leben, berichteten von Folter. Peking wertet die laut eigenen Angaben «Ausbildungszentren» als Erfolg auf ganzer Linie: In den letzten drei Jahren sei es zu keinen Terroranschlägen von Uiguren mehr bekommen, heisst es seitens der Regierung.

Dass es bei den Lagern nicht nur um Terrorbekämpfung geht, haben bereits zuvor interne Datenleaks nahegelegt. Der Grossteil der internierten sitzt nämlich dort einzig aus dem Grund ein, zu viele Kinder gezeugt zu haben. Die nun von AP interviewten Frauen berichten, dass sie in den Lagern von Wächtern regelmässige Injektionen verabreicht bekommen haben, die offenbar zur Verhinderung von Schwangerschaften eingesetzt wurden.

Die Sinologin Jo Smith Finley von der Universität Newcastle bezeichnet das Vorgehen der Regierung als «langsamen, schmerzvollen Genozid».