Debatte um Ausschluss einer Schülerin mit langem Rock

PARIS.

Stefan Brändle
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PARIS. Wird in Frankreich nach dem islamischen Kopftuch auch das Tragen knöchellanger Röcke verboten? Diese Frage stellen viele Moslems im Internet, nachdem die Mittelschule Léo Lagrange in der nördlichen Provinzstadt Charleville-Mézières ein 15jähriges moslemisches Mädchen vom Schulareal verbannt hat. «Das Gesetz über die Laizität an der Schule verbietet das Tragen von Zeichen oder Kleidern, mit denen die Schüler ihre religiöse Zugehörigkeit ostentativ zur Schau stellen», teilte die Direktion den Eltern der Schülerin namens Sarah mit. Die Betonung liegt auf dem Wort «ostentativ»: Wer in Frankreich religiöse Symbole wie Kreuze, Kippas oder Kopftücher auf klar sichtbare oder gar demonstrative Weise trägt, kann von der Schule verbannt werden.

Warnung vor «Kleiderpolizei»

Sarah war in einem langen schwarzen Rock zum Unterricht gekommen. Im Alltag trägt sie auch ein Kopftuch; dieses legt sie aber bei Betreten des Schulgeländes ab, wie es das Gesetz von 2004 verlangt. An ihrem Rock, der ihre Beine vollständig bedeckt, hielt sie aber fest. «Ein Jupe ist ein ganz normales Kleidungsstück», sagte Sarah.

Im Internet erhielt sie sofort Unterstützung. Ein Twitter-Hashtag #JePorteMaJupeCommeJeVeux (Ich trage meinen Rock, wie ich will) wurde gefolgt von einer Bildserie prominenter Frauen, die lange Röcke tragen. Auch das Kollektiv gegen Islamophobie (CCIF) sah im Schulausschluss einen weiteren Beweis für die Diskriminierung von Moslems. Im vergangenen Jahr registrierte es 130 Fälle von «missbräuchlicher» Anwendung des Laizitätsgesetzes durch französische Mittelschulen. Auch Verteidiger der Laizität wie Nicolas Cadène warnen vor der Einrichtung einer «Kleiderpolizei».

«Religiös motiviert»

Die Schuldirektion liess verlauten, es gehe nicht so sehr um das Kleidungsstück, sondern um dessen «Verwendung». Sarah habe Mitte April mit mehreren Kolleginnen versucht, die Schule mit dem Kopftuch zu betreten, doch seien sie abgewiesen worden. Eine Woche später seien sie ohne Kopftuch, aber in langen schwarzen Röcken erschienen, die laut den Trägerinnen selbst «religiös motiviert» sein sollten. Es habe sich damit um eine «Provokation» gehandelt; Sarah habe trotz Gesprächen der Direktion mit ihren Eltern und als einzige an ihrem Rock festgehalten, weshalb sie von der Schule verwiesen worden sei. Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem stellte sich hinter die Schule.

Die Debatte der Diskriminierung oder gar Islamophobie ist so alt wie das Kopftuchgesetz, nämlich über zehn Jahre. Die konkrete Umsetzung des strikten französischen Laizismus bereitet immer wieder Probleme, da die «ostentative» Zurschaustellung religiöser Zeichen naturgemäss subjektiv ist. Angesichts dessen sind die 130 jährlichen Fälle eigentlich sehr wenig – zählt doch Frankreich 12 Millionen Mittelschüler. Die überwältigende Mehrheit der Schulen finden durchwegs einen Weg zwischen Religionsfreiheit und Neutralitätsgebot. Auch Sarahs Mutter zeigte sich nun pragmatisch und sagte, ihre Tochter werde nach den Schulferien auch ohne den Rock zur Schule kommen. Sarah selber wollte sich nicht äussern.

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