«Das wird keine Teller füllen»

Am FAO-Gipfel zur Lebensmittelkrise in Rom haben sich die Delegierten schwer getan, einen gemeinsamen Nenner für die Bekämpfung des Hungers zu finden. Das Schlussdokument macht niemanden so richtig glücklich.

Dominik Straub/Rom
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Warten auf Lösung: WFP-Direktorin Josette Sheeran vor einem Bild von Kindern, die auf Essen hoffen. (Bild: ap/Andrew Medichini)

Warten auf Lösung: WFP-Direktorin Josette Sheeran vor einem Bild von Kindern, die auf Essen hoffen. (Bild: ap/Andrew Medichini)

Die gute Nachricht zuerst: Für kurzfristige Nothilfe für die am schwersten vom Hunger und von den Preisaufschlägen betroffenen Staaten ist eine beträchtliche Finanzhilfe in Sicht. Das Welternährungsprogramm (WFP), eine Unterorganisation der FAO, kündigte ein Hilfsprogramm in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar an. Die islamische Entwicklungsbank will gar 1,5 Milliarden bereitstellen. Die FAO selbst will 17 Millionen Dollar für Soforthilfe aufwenden. Das ist mehr als FAO-Direktor Jacques Diouf zuvor gefordert hatte.

Thema verfehlt

Nur: Im Zentrum des FAO-Gipfels zur Hungerkrise sollte nicht die kurzfristige Nothilfe stehen – für diese ist die FAO ohnehin nicht zuständig, sondern das WFP. Das Ziel der Konferenz war die Verabschiedung eines Aktionsplans, mit welchem der Hunger langfristig und strukturell bekämpft werden kann. Zugleich sollten Wege aufgezeigt werden, wie dies unter Schonung der Umwelt und des Klimas sowie der Gewährleistung der Biodiversität erfolgen könnte. Hier prallten die Meinungen und Wirtschaftsinteressen der 183 Delegationen frontal aufeinander. Erst mit grosser Verspätung konnte Diouf die Genehmigung des Schlussdokuments verkünden.

Grosse Differenzen gab es von Anfang an bei den Bio-Kraftstoffen. Unter anderen kritisierten die OECD und Nichtregierungsorganisationen, dass diese Treibstoffe die Nahrungsmittelproduktion konkurrenzierten und damit zur Preissteigerung der Lebensmittel beitrage. Mit der Formulierung, dass noch «wissenschaftliche Studien» erforderlich seien, drückte sich das Plenum um die Frage, ob die Biosprit-Produktion zu regulieren sei. Besonders die beiden Hauptproduzenten, Brasilien und die USA, hatten sich gegen jegliche Beschränkungen gewehrt.

Keine Einigung gab es auch bei gentechnisch veränderten Pflanzen, die insbesondere die USA, aber auch einige EU-Staaten, als Ausweg aus der Krise propagierten. Umstritten blieben ebenso die Vorschläge der neuen Task Force zur Hungerkrise, die UNO-Generalsekretär Ban vorgestellt hat. Er forderte die Öffnung der Märkte des Südens, die Subventionierung von Importen durch Entwicklungsgelder, die Privatisierung von Getreidespeichern und eine neue «grüne Revolution». Vertreter armer Länder betonten, dass dies die Gefahr mit sich bringe, in Abhängigkeit von den US-Lebensmittelkonzernen zu geraten. Diese haben in der aktuellen Hungerkrise ihre Profite zum Teil verdoppelt. Vor allem afrikanische Länder, aber auch Kuba, Argentinien und die Philippinen sträubten sich gegen die Unterzeichnung des Schlussdokuments.

«Einmalige Chance vertan»

«Die leeren Versprechungen der FAO werden keine Teller füllen», sagte Tina Goethe von Swissaid, Mitglied der Schweizer Delegation. «Einige Regierungen versuchen, die aktuelle Krise auszunutzen, um noch mehr Handelsliberalisierungen durchzusetzen und ein von Agrarkonzernen dominiertes Landwirtschaftsmodell zu stärken.» Angesichts der grossen Betroffenheit, welche die Hungerkrise in der Öffentlichkeit auslöste, hätten die Delegierten «eine einmalige Chance vertan, das Ruder herumzureissen».

Der Klimawandel blieb im Schlussdokument völlig ausgeklammert – obwohl die FAO vor kurzem gewarnt hatte, dass die globale Erwärmung die Versorgung mit Lebensmitteln stark gefährde. Italiens Aussenminister Frattini war, wie andere Delegationen, vom Gipfel «enttäuscht».