Kuba

Das System «Fidel Castro» steckt noch in jeder Pore

Morgen kehrt der Comandante dahin zurück, wo er einst aufgebrochen war. Morgen wird Fidel in Santiago beigesetzt. Morgen dürfte auch Kuba noch in der Form bestehen, wozu es Castro gezwungen hatte: selbstbewusst, aber verloren zwischen den Welten.

Max Dohner
Drucken
Teilen
Eingebrannt fürs ganze Leben: Fidel Castro.

Eingebrannt fürs ganze Leben: Fidel Castro.

Keystone

Kuba – wie weiter? Eine Frage – und statt einer Antwort tausend Mutmassungen. Um es gleich von unserer Seite zu sagen: Wir wissen es auch nicht besser. Es ist alles möglich. Und das Allermöglichste: Es ändert sich gar nix, zumindest nicht heute oder morgen.

Für diese These können wir die eine oder andere Beobachtung beisteuern. Sozusagen von der jüngsten Vergangenheit auf die nahe Zukunft schliessen. Oder noch einfacher: Wir können von Eliseo erzählen (den Namen haben wir geändert, man wird gleich sehen, weswegen).

Ein Peso für den Nachrichtenschnapper

Eliseo sass in einem eisernen Schaukelstuhl zwischen den Portikussäulen seines kolonialen Hauses, dessen renovierte Prunkzimmer er Ausländern vermietete. Hier liess er jeweils die vielen Bittgänger kommen, die fliegenden Händler, Raubkopierer, Kontaktvermittler, Plunderhehler, die in Kubas Alltagsleben dauernd Löcher stopfen helfen. «Resolver problemas» heisst das, Dinge deichseln. Das beherrscht jeder und jede, vom kleinsten Mann bis hinauf zum Comandante. Jeder weiss, dass man hier nichts «regeln» kann, ohne die Legalität zu ritzen. In allen Dingen sich legal zu verhalten, heisst in Kuba, still zu verrotten.

Mit unsichtbarer Ware handeln Gerüchteköche, Nachrichtenschnapper, Graswuchs-Schmöcker. Jedermann in Kuba hält sich einen kleinen Tross solcher Kassandras und Teiresiasse, meist paritätisch Pessimisten und Optimisten, um dann mit der eigenen Nase herauszuwittern, womit man rechnen muss in den folgenden Tagen oder Wochen.

Verlässliche Nachrichten auf der Insel gibt’s ja nirgends auf offiziellen Kanälen. Hier herrscht noch wie zu Stalins Zeiten die Lügenpresse. Wer die Tagesschau einschaltete, sah meist einen Sprecher, der eine «Reflexion» von Fidel ab Blatt leierte, vom Datum bis zur Unterschrift. Alle Lüge war gratis und legal, ein Quäntchen Wahrheit kostbar und verboten. Darum muss man in Havanna ständig aus der Luft filtern, was in der Luft liegt. Wall-Street-Börsianer saugen jedes Fächeln der Luft nicht fiebriger auf als Kubaner jedes Gramm Neuigkeit im Rascheln der Palmen.

Fidel Castro: Ein Bild aus Revolutionstagen.
36 Bilder
1957: Guerrilla-Chef Fidel Castro mit seinem Bruder Raul (l.) und Camilo Cienfuegos (r).
1957: Fidel Castro als Revolutionär.
1959: Fidel Castro in Washington.
1959: Castro spricht zum Volk nach dem Triumphmarsch durch Havanna nach dem Regierungssturz.
1959: Castro während einer Rede vor dem Präsidentenpalast in Havanna.
Gutierrez-Menoyo (r.) mit Fidel Castro 1959 in Havanna
1960: Fidel Castro mit dem Revolutionshelden Ernesteo "Che" Guevara und dem damaligen Präsidenten Osvaldo Dorticos.
1960: Fidel Castro mit dem sowjetischen Premier Nikita Krushchev.
1961: Fidel Castro spricht zu Gefangenen nach der Schweinebucht-Invasion.
1961: Castro in einem Panzer während der Schweinebucht-Invasion.
1963: Fidel Castro mit dem sowjetischen Premier Nikita Krushchev.
Fidel Castro (links) und der Schweizer Botschafter Emil A. Stadelhofer (rechts) diskutieren im Jahr 1964 (Archiv)
1972: Der kubanische Staatschef besucht Algier.
1975: Fidel Castro im Interview mit der amerikanischen NBC-Reporterin Barbara Walters.
Am 12. Oktober 1979 spricht Fidel Castro an der Versammlung der Vereinten Nationen in New York.
Fidel Castro und Gamal Abdel Nasser
1998: Papast Johannes Paul II. besucht Kuba und Fidel Castro.
2000: Fidel Castro trifft den Palästineser-Präsidenten Yasser Arafat.
2003: Fidel Castro trifft sich mit Brasiliens Präsident Inacio Lula da Silva.
2004: Fidel und Raul Castro.
2004: Fidel Castro und sein Bruder Raul.
Fidel Castro in einer Aufnahme von 2004: Der Revolutionsführer regierte Kuba während 47 Jahren und bestimmte die Geschicke auch danach als graue Eminenz im Hintergrund. (Archivbild)
Zur Feier des 1. Mai 2005 schwenkt Fidel Castro auf dem Revolutionsplatz in Havanna die kubanische Flagge.
2006: Fidel Castro mit Venezuelas Präsident Hugo Chavez nach desse Operation in Havanna.
Fidel Castro an der 1.-Mai-Feier 2006 in Havanna.
Fidel Castro ist tot: Der kubanische Revolutionsführer und ehemalige Präsident ist 90-jährig gestorben.
Fidel Castro trat 2008 als Staatschef Kubas zurück. (Archivbild)
April 2011: Fidel Castro und sein Bruder Raul singen die Nationalhymne am 6. Kongress der Kommunistischen Partei Kuba.
2012: Fidel Castro im Garten.
2012 trifft Papst Benedikt auf Fidel Castro
Fidel Castro in einer Aufnahme vom Juni 2014 (Archiv)
Einer der letzten TV-Auftritte von Fidel Castro am 22. Januar 2016
Im April 2016 nahm Castro noch am Parteitag der Kommunistischen Partei Kuba teil.
Am 16. November traf sich Fidel Castro noch mit dem Vietnamesischen Präsidenten Tran Dai Quang

Fidel Castro: Ein Bild aus Revolutionstagen.

Keystone

Eliseo liess sich nie anmerken, ob ein Gerücht ihn freute oder erschreckte. Sechzig Jahre Revolution hatten das gelehrt, und Eliseo war so alt wie die Revolution. Im Gegensatz zum amerikanischen Pokerface zeigt die kubanische Pokermiene durchaus Mimik – wie Eliseo: vorgetäuscht naives Erstaunen, vorgetäuscht onkelhaftes Lächeln und einen Laserblick unter die Mimikry des anderen.

Der Mann war wirklich ausgebufft. So viel Sensationelles aufs Mal wie heute hatte Eliseo noch nie gehört; aber auch jetzt zuckte er nicht mit der Wimper: Der amerikanische Präsident sei im Anflug, sagte der Kundschafter, im Gänsemarsch gleich dahinter: die Stones. Dazu wie eine Mosquitowolke 4000 Journalisten. Eliseo steckte dem Mann verdeckt einen Peso zu und grinste alle Aufregung weg: «Was ist mit Kuba los? Neulich der Papst, jetzt der US-Präsident, die Stones – sind wir vollends zur Insel des Weltfriedens geworden, wohin alle pilgern?»

Der Seitensprung des hohen Offiziers

Eliseos genüssliche Erheiterung glaubte ich zu verstehen: Jetzt rollte der CUC, der kubanische Spezialpeso, jene Währung, die einzig zählte. «Historischer Besuch» beflügelte das Geschäft. Eliseo, dachte ich, verdopple nun die Preise und fülle sein Haus dennoch bis unters Dach. Da aber folgte die Überraschung: Riefen Journalisten an oder diplomatisches Dienstpersonal, sagte Eliseo jedes Mal: «Bedaure, wir sind ausgebucht.» Fragten normale Touristen, gewährte er Platz, zum üblichen Tarif.

War Eliseo am Ende doch kein Raubtier-Kapitalist, sondern der letzte Fairtrade-Vermieter von Havanna? Nein, Eliseo war bloss ausgebuffter als das System. «Mit Journalisten», erklärte er, «hast du ewig Kommedi: Papierkrieg, die Staatssicherheit, tausend Kontrollen, Ministerialbeamte, die mitkassieren und beim geringsten Problem dir die Lizenz entziehen. Mit banalen Touristen habe ich meine Ruhe.»

Nun hiess das handkehrum aber nicht, dass hier jeder Gast ein «banaler Tourist» gewesen wäre. Einmal nickte Eliseo in Richtung eines Mannes, der mit einer hinreissenden Mulattin am Tisch sass. Im Rücken der beiden klopfte Eliseo mit zwei Fingern auf seine Schulter: das pantomimische Signal für Patten mit Sternen – für hochrangiges Militär.

Der Colonel hatte sich, fern des ehelichen Dauergefechts, eine Liebesnacht gegönnt; in jedem Hotel sonst wäre er registriert worden. Und Eliseo durfte fortan darauf bauen, beim Offizier ohne Federlesen vorgelassen zu werden, sollte irgendwann ein dummer Fiskalbürokrat Eliseos Bücher allzu genau durchforsten.

Nenne man all das halb legal oder auch korrupt – sei’s drum: Das System ist fünfzig Jahre alt. Ausgeklügelt und austariert bis in die feinste Verästelung, drang es in jede Kapillare des kubanischen Alltags. Eben darum dürfte sich in Kuba so schnell nichts ändern. Niemand findet hier den Socialismo toll; das ideologische Lametta hängt längst total durch. Aber jeder hat auch vor dem Capitalismo die Hosen voll.

Gewohnheit schafft Bindung, sogar zum Plattenbau

Für die Rendite nutzt Eliseo jeden Vorteil, der sich bietet. Er würde seine Grossmutter verkaufen, lebte die noch. Eigentlich ein Neoliberaler durch und durch. Stellt er sich aber vor, ohne staatliche Bremsklötze Geschäfte zu machen, wird ihm angst und bang. Freie Wildbahn? Konkurrenz, die niemals schläft? Anderer Ton, neue Tricks, bald überall jene smarte Heuchelei wie in der Flughafen-Businesslounge? Da schlottern Eliseo die Knie.

Auf den ersten Blick ist das gewiss eine sonderbare Furcht. Fidel ist tot, Raúl Castro lockert die Schraube mit Vorsicht. Die Leute aber wollen aus dem leeren Gehäuse des «Socialismo o Muerte» gar nicht raus. Wie ein Weichtier in einer verkalkten Muschel, die es notdürftig schützt. Wie jene DDR-Bürger einst, die man aus ihren Plattensiedlungen beinahe prügeln musste, obwohl durch jedes Fenster der Winter pfiff und es zum Balkon gar keine Türe gab.

Kuba hat sich bis zur Resignation porentief arrangiert mit der Revolution. Seit sechzig Jahren kennt man die «Ohren und Augen der Revolution» in der Nachbarschaft, die Denunzianten, hat billigen Rum getrunken mit ihnen, ist vielleicht verschwägert unterdessen. Mal flickte man ihnen kostenlos den Motor, dafür gab’s im nächsten Monat eine Extrapackung Seife oder Fisch.

Der Propagandajargon klingt in allen Ohren hohl; wer ihn heute noch ernst nimmt, gilt selbst unter strammen Parteisoldaten als hohl. Nur Esel sind explizit. Klug ist, wer die Propaganda als Textoberfläche nimmt, aber die Zwischentöne selber setzt. Alles in Kuba ist Code.

Der Pferdeschädel auf dem Salontisch

Eliseo erwähnte Fidel während Jahrzehnten mit keiner Silbe. Aber in einer Ecke seines Salons lag auf einem Bartisch stets ein Pferdeschädel, täglich vom Staub befreit. Fidel hatte, wegen seiner athletischen Männlichkeit, den Übernamen «el Caballo», das Pferd. Der Schädel erinnerte daran, dass der Kraftkerl unweigerlich bleichte, dass er sterblich war.

Fidels Asche wird morgen bestattet in Santiago de Cuba. Und dann räumt Eliseo im Salon möglicherweise den Pferdeschädel fort. Ausser es käme ein Tourist vorbei, begriff den geheimen Zusammenhang und zahlte Eliseo dafür dreissig CUC, fürs Souvenir.

Auch darauf haben sich die Kubaner und Kubanerinnen eingestellt, in den letzten fünfzehn Jahren nur noch darauf: Als Souvenir wurde die Revolution – im Mix mit bonbonlackierten Chevys, Zigarren und fliegenden Röcken – zum Millionengeschäft. Zu Kubas USP, einer Weltexklusivität. Dieser Nimbus dürfte jetzt langsam erlöschen, mit Fidels Tod.

Das bedauern die Leute in Kuba durchaus. Es mehrt ihre Bangigkeit vor der Zukunft ... abgesehen davon, dass es auch gelegen kommt, weil das gegen aussen wirkt wie echte Trauer um den Máximo Líder.

Sich scheinanpassen, Fäden ziehen, Diskretion wahren, den Vorteil erkennen im Zwielicht der Täuschungen, geduldig Vertrauen aufbauen bei generellem Misstrauen, keine Sentimentalität erlauben, theatralisch Vergnügen bereiten, ununterscheidbar vom echten Vergnügen, bis der andere darauf reinfällt – Kubaner haben viel gelernt. Sollte der mächtige Nachbar im Norden glauben, da sei jetzt mühelos ein Schnäppchen zu holen, dürfte er wohl gehörig die Finger dabei verbrennen.

Die Revolution ist zu Asche geworden. Aber etwas brennt weiter: Kubas Selbstbewusstsein, in der Welt auch künftig eine gewichtige Rolle zu spielen.