Das Spiegelbild des Terrors

Die Verbrennung einer jordanischen Geisel bei lebendigem Leib empört auch islamische Führer. Doch statt mit Rechtsstaatlichkeit reagieren sie mit Rache und Gegenterror. Von Walter Brehm

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Sie berufen sich auf die Geschichte des Islam. Am liebsten, wenn diese 1400 Jahre zurückliegt. Die Jihadisten des sogenannten Islamischen Staates (IS) sehen die Renaissance der islamischen Gemeinde, wie sie der Prophet Mohammed in Medina aufgebaut hatte, als Ziel. Eine ideale Gesellschaft – gerecht und barmherzig. Ihr selbsternanntes Kalifat sehen sie als Quelle künftiger Weltgeltung dieses Ideals.

Doch sie haben keine Ahnung von der jüngeren Geschichte. Vergessen, dass sie nicht die ersten Jihadisten sind, die dieser rückwärts gewandten Utopie anhängen. Seit Jahrzehnten ist es Islamisten – gemässigten wie der Moslembruderschaft oder auch Extremisten wie den Taliban – zwar immer wieder gelungen, mit dem Versprechen, «der Islam ist die Lösung», Gläubige, die von korrupten Regimes enttäuscht worden sind, für ihre Sache zu gewinnen. Auch damit, dass sie soziale Hilfe leisteten, wo diese Regimes versagten. Aber überall, wo sie Einfluss oder gar Macht erlangten, wie in Algerien oder Afghanistan, haben sie ihre Utopie in Blutbädern ertränkt oder die Menschen mit Allmachtsphantasien in den Widerstand getrieben, wie in Ägypten. Dies ist die jüngste Geschichte islamistischer Bewegungen. Doch das zu sehen, ist der IS unfähig. Die selbsternannten Heilsbringer sind zu Schlächtern degeneriert. Ihr Islam ist Mord und Totschlag, ist Unterdrückung und Lebensfeindlichkeit.

Die Fratze des IS wird auch in der arabischen Welt durchaus erkannt. Die Al-Azhar-Universität in Kairo, das wichtigste Lehrinstitut des sunnitischen Islam, hat den IS-Terror gestern aufs Schärfste verurteilt. Doch gerade in dieser Verurteilung wird die Mitverantwortung islamischer Autoritäten an der Gewalt erschreckend sichtbar. Im selben Atemzug, wie der IS als teuflisch gebrandmarkt wird, fordert der Al-Azhar-Grossmufti Sheikh Ahmed al-Tajjib, die Terroristen müssten auf die gleiche Weise bestraft werden – dazu gehöre die Kreuzigung und das Zerschlagen ihrer Glieder.

So aber wird die Distanzierung vom Jihad-Terror selber zum Verbrechen. Auch dass Jordaniens moslemischer König die Hinrichtung zweier gefangener Jihadisten als Vergeltung anordnet, spiegelt das Unverständnis, dass der Kampf gegen den Terror nicht mit Gegenterror geführt werden kann. Solange aber gemässigte oder liberale islamische Führer ihren Gläubigen statt Rechtsstaatlichkeit nur das Spiegelbild des Jihad-Terrors anzubieten haben, solange werden sie diesen nicht besiegen können.

walter.brehm@tagblatt.ch

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