«Das sind sehr harte Entscheidungen»

Die zypriotische Bevölkerung ist enttäuscht, die Politiker sprechen von einer Erpressung der EU. Die Wiedereröffnung der Banken wird verschoben.

Drucken
Teilen

Jannis Georgiou trinkt auch an diesem frühen Montagmorgen seinen geliebten zypriotischen Mokka in seinem Stammcafe in Nikosias Alstadt. Dem strahlenden Sonnenschein zum Trotz: Der redselige Rentner ist ernüchtert – so wie die meisten seiner Landsleute an diesem Tag. «Das sind sehr harte Entscheidungen. Wir steuern auf eine Katastrophe zu», sagt er. «Gott helfe uns», pflichtet ihm ein anderer Gast bei.

«Eine Kollektivstrafe»

Der Tag nach der Einigung in Brüssel, er ist in Zypern auch ein Feiertag: Wie jedes Jahr werden im ganzen Land Paraden abgehalten. In der Leoforos Vyronos im Herzen Nikosias marschieren Schüler, Kriegsveteranen und Pfadfinder.Traditionell melden sich Politiker zu Wort – und Zyperns mächtiger Erzbischof Chrysostomos II, der in die Mikrofone sagt: «Auf uns warten schwere Zeiten. Der Hunger wird zunehmen, auch die Verzweiflung. Und ich will es wieder sagen: Unser Volk kann verschwenderisch sein, aber auch sehr bescheiden leben.»

Sichtlich bedrückt meint Parlamentspräsident Jannakis Omirou: «Den heutigen Nationalfeiertag erleben wir Zyprioten in einer sehr kritischen Phase unserer Geschichte. Leider erfahren wir von unseren EU-Partnern statt Unterstützung und Solidarität nur Erpressung. Unsere Antwort darauf lautet: Nationale Souveränität, Selbstbewusstsein und Widerstand.» «Das war eine schreckliche Erniedrigung, eine Kollektivstrafe für uns Zyprioten», poltert der Abgeordnete Pambos Papageorgiou von der linken Akel-Partei. Auch er hatte vor einer Woche die verordnete Zwangsabgabe in Zyperns Parlament abgelehnt.

Unterdessen ebben in Nikosia die Proteste gegen die Troika nicht ab. Als die Eurogruppensitzung am späten Sonntagabend in Brüssel ihren Anfang nahm, protestierten Hunderte Menschen vor der EU-Vertretung in Nikosia. Sie skandierten «Raus aus dem Euro».

Kapitalflucht im Keim ersticken

In der Ortschaft Polemidia detonierte ein Sprengsatz in einer Filiale der Bank of Cyprus. Zwei Unbekannte zerschlugen die Glastür, drangen in die Filiale ein und deponierten den Sprengsatz im Innern des Gebäudes. Es entstand nur geringer Sachschaden.

Dem Anschlag zum Trotz: Die Vorbereitungen für die geplante Öffnung der Banken laufen auf Hochtouren. Die Institute werden ohne Ausnahme erst am Donnerstag wieder öffnen. Dies gab gestern spät abends der zypriotische Finanzminister Michalis Sarris bekannt. Ursprünglich sollten die meisten Banken heute wieder öffnen. Zyperns Geldinstitute sind seit dem 15. März geschlossen. Aus Angst vor einem Run auf die Banken hat Zyperns Parlament inzwischen die gesetzliche Grundlage für umfangreiche Kapitalverkehrskontrollen geschaffen. Demnach können die zypriotischen Behörden den Geldverkehr beschränken, um eine Kapitalflucht schon im Keim zu ersticken. Zypriotischen Medien melden inzwischen in grosser Aufmachung, dass ausländische Banken bereits um die geschröpften Kunden von Zyperns Banken buhlen. Ihr Ziel sei es, dass die geschockten Kontoinhaber ihre Gelder in andere Länder transferieren. «Der Krieg um die Spareinlagen auf Zypern ist bereits im vollen Gange», berichtete beispielsweisedie auflagenstärkste Tageszeitung «Fileleftheros».

Am Athener Flughafen herrschte gestern Hochbetrieb. Zahlreiche Griechen, die im Laufe der Krise in ihrem Land ein Konto in Zypern eingerichtet hatten, waren unterwegs nach Larnaka. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, was sie in Zypern als Erstes tun werden.

Ferry Batzoglou, Nikosia

Aktuelle Nachrichten