Das Pulverfass Tempelberg

Israel verhängt schärfere Strafen zur Beruhigung der Lage auf dem Tempelberg in Jerusalem. Israels Polizei stationierte gestern 800 zusätzliche Sicherheitsleute in der Stadt. UNO-Sondergesandter warnt vor regionaler Eskalation.

Susanne Knaul
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Israelischer Polizeieinsatz gegen Moslems in Jerusalems Altstadt im Konflikt um den Tempelberg. (Bild: epa/Atee Safadi)

Israelischer Polizeieinsatz gegen Moslems in Jerusalems Altstadt im Konflikt um den Tempelberg. (Bild: epa/Atee Safadi)

JERUSALEM. Mit Mindesthaftstrafen für Steinewerfer, Bussen für Eltern minderjähriger Straftäter und Erleichterungen für die Sicherheitskräfte, das Feuer auf gewalttätige Demonstranten zu eröffnen, will Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu die Lage auf dem Tempelberg zur Ruhe bringen.

Seit Sonntagabend liefern sich palästinensische Demonstranten und israelische Polizisten schwere Auseinandersetzungen in Jerusalems Altstadt. «Die Sicherheitskräfte sind in die Al-Aqsa-Moschee eingedrungen und haben dort mit Gummikugeln und Tränengas geschossen», sagte Dr. Mustafa Abu Sway vom Jerusalemer Rat für Islamische Angelegenheiten gestern auf telefonische Anfrage. Das sei «der Anfang einer neuen Phase», ist der Islamwissenschafter überzeugt.

Kampfplatz des Unmuts

Die Kämpfe der jugendlichen Demonstranten, die sich in dem islamischen Gebetshaus auf dem Tempelberg verschanzen, um von dort aus Steine und Brandsätze auf die israelischen Sicherheitskräfte werfen, gleichen den Ausschreitungen vor einem Jahr. Anlass war damals Israels Militäroperation nach der Entführung dreier Talmudschüler, die grausame Ermordung eines 13jährigen palästinensischen Jungen und schliesslich der Krieg im Gaza-Streifen. Denkbar ist, dass der Tempelberg erneut als Kampfplatz herhalten muss, um dem aufgestauten Unmut der Palästinenser seit dem Brandanschlag jüdischer Terroristen Mitte August in Duma Luft zu machen.

Ein palästinensisches Ehepaar und sein zweijähriger Sohn waren dabei ums Leben gekommen.

Moslems und Juden heilig

In der vergangenen Woche hat Israels Verteidigungsminister Mosche Jaalon zwei als «Glaubenswächter» vor der Al-Aqsa-Moschee agierende Gruppen verboten. Diese Murabitum seien «zentraler Grund für die vor der heiligen Stätte auftretenden Spannungen», begründete Jaalon das Verbot. Die Frauen und Männer der beiden Gruppen versuchten jüdische Besucher des Tempelbergs mit «Allah ist gross»-Rufen zu verscheuchen.

Der Tempelberg gilt als Pulverfass, denn er ist beiden Religionen heilig. Die Moslems glauben, dass von ihm ihr Prophet Mohammed gen Himmel reiste. Gläubige Juden vermuten, dass hier die Welt ihren Ursprung hatte. Nach biblischer Überlieferung soll einst Abraham an dem Felsen gestanden haben, bereit, Gott seinen Sohn Isaak zu opfern. Seit dem Sechstagekrieg 1967 und dem Beginn der israelischen Besatzung gilt, dass Anhänger beider Religionen den Tempelberg besuchen dürfen, doch nur Moslems ist es erlaubt, dort auch zu beten. Die Verantwortung für die heiligen Stätte hat das jordanische Königshaus.

UNO-Appell für Verhandlungen

Nikolaj Mladenow, UNO-Sondergesandter im Nahen Osten, warnte vor einer Eskalation der Unruhen «weit über die Grenzen von Jerusalems Altstadt» hinaus. Der Diplomat appellierte an die israelische Regierung, von « Provokationen» abzusehen, wie die jüngst verhängten Besuchsverbote für moslemische Gruppen auf dem Tempelberg. Mladenow ermahnte Israel, neue Verhandlungen über eine Zweistaatenlösung zu ermöglichen. Die «Spirale von Frustration, Angst und Gewalt» lasse den Glauben an einen Ausweg schwinden.

Auch Jordaniens König Abdallah verurteilte die «israelischen Aggressionen». Er werde die Entwicklungen «aufmerksam beobachten und entsprechend reagieren», kündigte er an. Denkbar ist, dass König Abdallah, wie in ähnlichen Fällen früher, erneut den Botschafter temporär aus Tel Aviv abziehen wird.