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Das Pub-Quiz ist die Antwort

Das traditionelle britische Pub steckt in der Krise: Im Durchschnitt schliessen
18 Lokale jede Woche. Mit einer zeitlosen Tradition soll eine Trendwende einkehren.
Gabriel Felder, London
Ein klassisches Pub im nordenglischen Bowness-on-Windermere wirbt für sein altbewährtes Programm.Bild: Martin Berry/Alamy

Ein klassisches Pub im nordenglischen Bowness-on-Windermere wirbt für sein altbewährtes Programm.
Bild: Martin Berry/Alamy

«Jeder liebt ein Quiz», schrieb Pub-Experte und Journalist Simon O’Hagan in einer Zeitungskolumne. In England spricht er damit aus der Volksseele: Frage-und-Antwort-Spiele gibt es hier am Fernsehen, Radio, in Wettbüros und natürlich auf einschlägigen Webseiten und Apps. Die Faszination hinter Fragen wie «Welches harmlose Unterfangen beschrieb Premierministerin Theresa May in einem TV-Interview als ‹unmanierlich›?» oder «Wie hiess das erste Album der Rockband Oasis?» wird nun ­vermehrt im Kampf gegen das Pub-Sterben eingesetzt.

Gesellige Quiz-Abende erfreuen sich einer wachsende Beliebtheit in allen Alterskategorien und Gesellschaftsschichten. «Jeder kann mitmachen», beschreibt Pub-Wirt Rob Brown den Anreiz einer Veranstaltung, die in ihrer Beschreibung eher unspektakulär klingt: Ein Quizmaster stellt Fragen aus verschiedenen Rubriken wie Politik, Sport oder Unterhaltung und wer die Antwort weiss, gewinnt einen Punkt. Trotzdem kommt das simple Konzept an. «Bei uns treffen sich jeden Montagabend gegen 60 Quiz-Begeisterte und die Stimmung reicht von angespannt bis zu euphorisch. Langweilig wird’s nie», erzählt er.

Sehnsucht nach Simplizität

Sein Pub nennt sich «The Pine­apple» und gehört zu jenen gastlichen Lokalen, die seit der viktorianische Ära im 19. Jahrhundert kaum Veränderungen erfuhren. «Viele Leute sagen uns, dass es nichts Gemütlicheres gibt, als an einem nassen Montagabend über die Komponisten von Filmsoundtracks oder den Übernamen eines mittelalterlichen Königs nachzugrübeln», sagt Brown und schmunzelt. Die Mitspielerinnen und Mitspieler organisieren sich in Teams von maximal fünf Leuten und wer gewinnt, kassiert die gesamte Eintrittsgebühr des Abends ein (pro Nase bezahlt man ein Pfund – umgerechnete 1.25 Franken).

«In den 90er-Jahren hatten diese öffentlichen Ratespiele etwas ausgesprochen Exzentrisches», erinnert sich der Meister des Fachs, Marcus Berkmann, in der politischen Wochenzeitung «The Spectator». Das habe sich allmählich geändert, und heutzutage schwimmt man als Pub-Quiz-Anhänger im Mainstream. «Pub-Wirte sind besonders erpicht», analysiert Berkmann, «da die Mannschaften ganz schön was runterkippen.» Auf die Motivation hinter der Teilnahme am Frage-und-Antwort-Spiel angesprochen, nennt er zwei Hauptantriebe: Bluffen und die Sehnsucht nach Simplizität in einer immer komplizierter werdenden Welt. «Pub-Quiz-Abende sind eine Spielform für Erwachsene, die sonst denkbar wenig zum Spielen kommen. Ausserdem kann man im Verlauf einer Fragerunde wunderbar wichtigtun.»

«Hervorragende Ausrede»

Carol Hendry arbeitet im Finanzbezirk der City von London und stimmt zu: «Man fühlt sich schon besonders gut, wenn es einem ­gelingt, alle Ehefrauen von König Henry dem Achten aufzuzählen», findet sie. «Pluspunkte für die Namen der Geköpften.» Ausserdem diene ein Pub-Quiz als «hervorragende Ausrede», sich unter der Woche mit Freunden auf einen Drink zu treffen: «Es herrscht weniger Druck, über seine eigene Befindlichkeit oder gescheite politische Themen reden zu müssen. Man kann sozial sein, ohne sich allzu fest anzustrengen.» Carols Partner Mike widerspricht: «Ausser wenn’s um die richtigen Antworten geht natürlich. Da steht man schon unter Druck. Oft kommt’s mir vor, als ginge es um Leben und Tod.»

Davon kann auch Journalist und gelegentlicher Quiz-Meister Simon O’Hagan ein Liedchen singen: «Es ist schon ein bisschen verrückt. Man schaut sich konstant nach klugen Fragen um. Sei es Allgemeinwissen, Sport, Politik, Kultur oder Unterhaltung: Was man auch immer liest, es wird konstant auf Quiz-Tauglichkeit untersucht.» Eine gute Frage sollte informieren, weiterbilden und unterhalten. Und diese Pub-Quiz-Dreifaltigkeit «gilt es ernst zu nehmen, wenn man Erfolg haben will in der Szene». «Pineapple»-Wirt Rob Brown stimmt zu: «Wir haben Teams an unseren Quiz-Abenden, die auch etwas lernen wollen, um ihre Position für die nächsten Runden zu verbessern. Halb-Profis, sozusagen.» Die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sieht allerdings vor allem die humoristische Seite: «Es geht in erster Linie um Spass. Oft hört man ohrenbetäubenden Lärm von einem Tisch, wenn die Antworten so daneben sind, dass man nur noch laut lachen kann.»

«Auch in 20 Jahren noch im Programm»

Auch in der Schweiz existieren Quiz-Abende im Beizenumfeld, die auf eine jahrelange Tradition zurückblicken können: Vor genau einem Jahrzehnt rief der Luzerner Marco Liembd die Rätselserie «Jeopardy» ins Leben. Die Idee komme vor allem bei ­«kulturinteressierten Nerds» an, «wobei eines auffällt: Wir haben oft mehr weibliche Gäste als männliche. Warum auch immer.» Liembds «Jeopardy»-Spielrunden finden regelmässig im Luzerner Café Meyer statt und im Mittelpunkt stehen 90 Fragen rund um Lieder, Songtexte und Musikvideos. Sechs Teams treten pro Abend gegeneinander an und der Organisator beobachtet – wie seine britischen Kollegen – oft eine Ernsthaftigkeit bei gewissen Teams, «die wir mit einer chaotischen Spielleitung und einem überaus parteiischen Schiedsrichter zu brechen versuchen».

Rob Brown indessen sieht im guten alten britischen Pub-Quiz einen Dauerbrenner: «Ich bin überzeugt, dass wir den Anlass auch in 20 Jahren noch im Programm haben werden», prophezeit er. «Die Leute brauchen eine Pause von ihren Bildschirmen. Ein Pub-Quiz holt alle wieder auf den Boden.» Sagt’s, und widmet seine Aufmerksamkeit dem defekten Geschirrspüler hinter der Theke. «Extra-Punkte wenn Sie mir sagen können, was nicht stimmt mit dem Ding!»

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