Das Phantom von Pjöngjang

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un bleibt auch zum 69. Gründungstag der Kommunistischen Partei unsichtbar. Ist der «grosse Führer» krank oder entmachtet worden? Bereits wird über seine 27jährige Schwester als Nachfolgerin spekuliert.

Angela Köhler
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Die Partei hat sich ohne den «Grossen Führer» feiern müssen. (Bild: ap/Kyodo News)

Die Partei hat sich ohne den «Grossen Führer» feiern müssen. (Bild: ap/Kyodo News)

TOKIO. Rituale bedeuten in Nordkorea viel, beinahe alles. So war es gestern ein Pflichttermin für Diktator Kim, Blumen am Mausoleum seiner Vorgänger – Grossvater Kim Il Sung und Vater Kim Jong Il – abzulegen und anschliessend die Huldigungen des gleichgeschalteten Volkes auf der Ehrentribüne abzunehmen.

Blumen – wie für einen Toten

Nichts von alledem, nur ein bizarres Blumengebinde für ihn selbst – wie für einen Toten. Die Parade der Werktätigen nahm anstelle des Führers Marschall Hwang Pyong So ab. Eine Begründung für diese politische Abstinenz gab das Regime nicht, beteuert aber standhaft, Kim Jong Un sei im Vollbesitz der Macht. Obwohl er offiziell an «Unwohlsein» leidet, «führt er weise und zielgerichtet unser stolzes Volk». Das glauben die wenigsten Experten. Allein die Tatsache, dass sich ein Nachrichtensprecher öffentlich zu körperlichen Gebrechen des Führers äussert, ist ein Alarmsignal.

Südkoreanische Zeitungen vermelden noch einen anderen Aspekt der Absenz von Kim. Nach ihren Informationen wird derzeit in der UNO in New York eine bisher geheime Resolution zur Verletzung der Menschenrechte in Nordkorea vorbereitet, in deren Konsequenz versucht werden soll, Kim Jong Un vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen.

Auch wenn das angesichts des Einflusses von China und Russland wie eine politische Utopie erscheint, mag es Pjöngjangs Militär- und Parteielite dennoch als potenzielle Bedrohung erscheinen. Die Sorge, noch weiter weltweit isoliert zu werden, könnte ein wesentlicher Grund sein, dass Kim Jong Un anscheinend in der politischen Versenkung verschwunden ist.

Keine direkte Nachfolge in Sicht

In Nordkorea herrscht seit 1949 zwar formal die Partei – in Wirklichkeit aber schon in dritter Generation die Familie Kim. Und diese einzige kommunistische Dynastie in der Weltgeschichte glaubte Ende 2011 nach der Inthronisierung eines damals kaum 30-Jährigen, das Nachfolgeproblem auf lange Sicht geklärt zu haben. Wäre der junge Führer nun schon nach drei Jahren am Ende, droht ein Bruch tektonischen Ausmasses.

In der «Thronfolge» stünde in der dynastischen Logik der bisher einzige Sohn Kim Jong Uns, aber der ist noch ein Baby und kommt für höchste Würden selbst in Nordkorea nicht in Frage. Die beiden Brüder des Führers sind ein spiel- und alkoholsüchtiger Lebemann, der sich mit Staatsgeld in Macao austoben darf, und ein verweichlichter Nebendarsteller, dem schon sein Führer-Vater Kim Jong Il nichts zutraute.

Den Thron für Kims Schwester?

Plötzlich taucht nun eine Schwester des Diktators auf, die bisher zumindest kein ausländischer Beobachter so richtig auf seiner Rechnung hatte. Kim Yo Jong ist wohl 27 Jahre alt, arbeitet auf der mittleren Führungsetage Nordkoreas, zuletzt als persönliche Assistentin des Machthabers. Sie soll vor allem die Termine ihres Bruders koordiniert haben.

Über Kim Yo Jong weiss man darüber hinaus nur sehr wenig Verlässliches. Laut der Internetseite «North Korea Leadership Watch» soll sie am 26. September 1987 als Tochter der dritten Ehefrau Kim Jong Ils geboren worden sein. Angeblich wurde sie wie auch ihr Bruder an einem Elite-Internat im Kanton Bern ausgebildet – unter falschem Namen und als vermeintliches Kind einer nordkoreanischen Diplomatenfamilie.

Ihr weiterer Werdegang bis 2008 liegt im dunkeln. Danach fing sie im Zentralkomitee der KP an, arbeitete später im Ministerium für Staatssicherheit und in der Nationalen Verteidigungskommission. Beim Urnengang zur Wahl des Scheinparlaments im März dieses Jahres wurde Kim Yo Jong erstmals gross im Staatsfernsehen herausgestellt. Seither lautet ihre offizielle Bezeichnung «hohe Funktionärin der Partei».

Nordkoreas Zukunft wäre offen

Als unbeschriebenes Blatt müsste die Schwester erst einmal politische und vor allem militärische «Meriten» erwerben. Auch Kim Jong Un stieg kurz vor und während seiner Amtsübernahme rasant im Parteiapparat, dem Verteidigungskomitee und zum Marschall auf. Schwester Kim wäre bestenfalls eine «Kronprinzessin» mit eingeschränkter Autorität.

Auch die grossen Nachbarn China, Südkorea, Japan und Russland sowie die USA dürften dann versuchen, verstärkt Einfluss zu gewinnen. Experten sind sich sicher: In diesem Fall würde die bisher gern vermiedene Frage nach einer möglichen Wiedervereinigung beider Koras schneller als gedacht auf den Tisch kommen.