USA

Das Paralleluniversum des unberechenbaren Präsidenten Trump: Warum macht er das bloss?

Der Bewohner des Weissen Hauses bricht Tabus, verbreitet unpassende Nachrichten und Unwahrheiten. Warum macht Donald Trump das bloss?

Renzo Ruf, Washington
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Donald Trump vor der «Air Force One» Bisweilen schwebt er in eigenen Sphären.

Donald Trump vor der «Air Force One» Bisweilen schwebt er in eigenen Sphären.

Keystone

Ein ganz normaler Morgen im Weissen Haus. Frühaufsteher Donald J. Trump, 45. Präsident der USA, greift bereits kurz nach 6 Uhr zum iPhone, um den 43,6 Millionen «Followern» auf dem Kurznachrichtendienst Twitter Einblick in seine Gedankenwelt zu geben.

Ein Kommentar zur Schlagzeile, dass der bekannte Fernsehmoderator Matt Lauer von seinem Arbeitgeber NBC fristlos gefeuert wurde, weil er angeblich eine Untergebene sexuell belästigt haben soll. («Wow».) Ein Hinweis darauf, dass sich «Ermittlungen» gegen andere prominente Mitarbeiter des verhassten Fernsehsenders lohnen würden – zum Beispiel im Umfeld eines «ungelösten Rätsels» im Privatleben von Moderator Joe Scarborough. (2001 starb eine junge Angestellte des damaligen Parlamentsabgeordneten, gemäss offiziellen Angaben an einem Herzversagen.)

Ein Hinweis darauf, dass die Stimmung an der Börse und unter den US-Konsumenten immer noch gut ist. («Sieht ganz danach aus, als ob jemand mich (meine Politik) schätzt.») Und insgesamt drei Retweets von Videos, die aus der Küche der extremistischen britischen Politikerin Jayda Fransen stammen und die angeblich beweisen sollen, dass die christliche Wertekultur durch Muslime bedroht wird.

Letzteres ging selbst Verbündeten des amerikanischen Präsidenten zu weit. Ein Mitarbeiter der kruden Internet-Plattform «Infowars» – von der sich Trump zumindest im Wahlkampf immer wieder inspirieren liess – schrieb, dass es keine allzu gute Falle mache, wenn der amerikanische Präsident Propaganda britischer Rechtsextremisten weiterverbreite.

Warum bricht Trump ständig mit Konventionen, warum fühlt er sich veranlasst, Nichtigkeiten weiterzuverbreiten? Langjährige Trump-Beobachter sagen: Er kann nicht anders. Während seiner gesamten Karriere, zuerst als Baulöwe, dann als Selbstvermarkter, Fernsehstar und Politiker, habe Trump um Anerkennung kämpfen müssen.

Irgendwann habe er sich deshalb ein Paralleluniversum geschaffen, in dem alles, was Trump anpackt, zu Gold wird und seine Kritiker stets unrecht haben. «Ich glaube, er erzählt sich selbst Fabeln über sich selbst», sagt Trump-Biograf Tim O’Brien.

«Das bin wirklich nicht ich»

In der Praxis sieht dies dann so aus: Im Oktober 2016 publizierte die «Washington Post» eine Tonaufnahme Trumps aus dem Jahr 2005, in der er darüber prahlte, dass er Frauen sexuell belästigen könne, weil er ein Star sei. Unter massivem Druck, auch seiner Republikanischen Partei, entschuldigte er sich in der Folge für seine Äusserungen.

In Tat und Wahrheit aber ist Trump immer noch davon überzeugt, dass es sich bei der Aufnahme um eine Fälschung gehandelt habe. «Wir glauben nicht, dass das meine Stimme war», soll er zu Jahresbeginn einem Senator seiner Partei gesagt haben, berichtete am Dienstag die «New York Times». Und in der «Washington Post» wurde ein Berater zitiert, der sagte, Trump habe ihm versichert: «Das bin wirklich nicht ich.»

Gespräche als Zeitverschwendung

Diese Unberechenbarkeit ist politisches Gift. Führende Demokraten stellen sich auf den Standpunkt, direkte Verhandlungen mit dem Präsidenten seien reine Zeitverschwendung, halte sich dieser doch nicht an Abmachungen. Ausserdem, sagte Senator Tim Kaine am Mittwoch, habe Trump von der Materie jeweils keine Ahnung.

Aber so ist er halt, der 45. Präsident der USA. Er kann nicht anders. Am Montag ehrte Trump fünf greise Weltkriegs-Veteranen des Navajo-Stammes im Weissen Haus. Aber der Präsident liess es nicht mit einer simplen Zeremonie für die Ureinwohner bewenden. Stattdessen riss er eine Zote über die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, eine scharfe Kritikerin, die von sich sagt, sie habe indianische Vorfahren. «Pocahontas» nennt Trump sie deshalb, als sei der Name der legendären Tochter eines Pamunkey-Häuptlings in Virginia im 16. Jahrhundert ein Schimpfwort. Die Navajo-Veteranen blickten bloss betreten drein.