Das Modell Erdogan ist gescheitert

Vertraute das türkische Volk seinem Premier, es hätte Mitleid mit ihm. Seit Monaten, so klagt Erdogan, müsse er die Heimat gegen dunkle Mächte und vom Ausland gesteuerte Intrigen verteidigen.

Walter Brehm
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Vertraute das türkische Volk seinem Premier, es hätte Mitleid mit ihm. Seit Monaten, so klagt Erdogan, müsse er die Heimat gegen dunkle Mächte und vom Ausland gesteuerte Intrigen verteidigen. Die Armee, die Justiz, Teile der städtischen Bevölkerung, ja sogar ehemalige religiöse Mitstreiter, sie alle haben sich laut Erdogan gegen ihn und – in seiner Weltsicht – somit gegen die Türkei verschworen.

Doch das Vertrauen vieler Türken hat der ehemals als Reformer gefeierte Premierminister längst verloren, weil er die Bodenhaftung, den klaren Blick auf die sozialen und politischen Verhältnisse in seinem Land, in dessen Nachbarschaft und in Europa verloren hat.

Längst bestimmt der Traum sein Handeln, die Türkei zur regionalen Grossmacht zu machen: die Türkei als Modell für die Länder des Arabischen Frühlings, eine Renaissance des Osmanischen Reiches unter seiner Führung. Zu Hause begann er, um dieses Traumes willen einen immer rigideren islamistischen Kurs zu fahren – und erlag dem gleichen Irrtum wie alle Islamisten: Die Religion sei der sichere Hebel zum Machterhalt. Dass seine eigenen Reformen nicht nur wirtschaftlich gewirkt, sondern die gesellschaftlichen Werte aufgefächert haben, ignorierte er.

Die arabischen Moslembrüder stürzten ob solcher Ignoranz, Erdogan versucht mit harter Repression dagegenzuhalten. Doch die immer deutlicher werdende Korruption und nun der Tod eines Jugendlichen nach langem Leiden durch Polizeigewalt schüren die Wut im Volk bis hinein in die religiöse Basis seiner Macht. Zwar hat Erdogan diese Macht noch nicht verloren, wohl aber seine moralische und politische Glaubwürdigkeit. Der Machtverlust ist nur noch eine Frage der Zeit.

walter.brehm@tagblatt.ch

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