Das Kalifat ist am Ende – der Terror geht weiter

Walter Brehm
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Irakische Sicherheitskräfte und Zivilisten feiern die gestrige Befreiung von Mossul. (Bild: Ahmad Al-Rubaye/AFP (Mossul, 9. Juli 2017))

Irakische Sicherheitskräfte und Zivilisten feiern die gestrige Befreiung von Mossul. (Bild: Ahmad Al-Rubaye/AFP (Mossul, 9. Juli 2017))

Neue Fronten Es sind allzu bekannte Bilder: schwarz maskierte Männer, die auf Kleinlastern in eine Stadt eindringen. Sie schwenken die schwarzen Flaggen des «Islamischen Staats» (IS). Leichen liegen am Strassenrand. Doch die Bilder stammen nicht aus der irakischen Stadt Mossul und nicht aus Rakka in Syrien, sondern aus dem Süden des asiatischen Inselreichs der Philippinen. Sie zeigen, was der IS ist: eine weltweite Marke. Der Dschihadterror funktioniert, auch wenn der IS in seinem Kerngebiet in diesen Tagen die letzten Hochburgen seines Quasistaates verliert. Auf den Philippinen hat der IS Ende Mai die Provinzhauptstadt Marawi überrannt. Etwa 90 Prozent der 20000 Bewohner sind geflohen. Wer geblieben ist, wird von den Terroristen als menschliche Schutzschilde missbraucht.

Selbst wenn die letzten grossen Schlachten gegen den IS geschlagen sein werden, ist damit zu rechnen, dass die Terrororganisation in der Region, aber auch global weitermachen wird, wie sie vor Jahren begonnen hat – mit klassischem Terror. Mit Blutbädern wie in Brüssel, London oder Paris. Was also strebt der IS nach dem absehbaren Ende des Kalifats an?

Gegner des IS haben politisch kaum etwas zu bieten

Systematisch verfolgt der IS eine simple Strategie: Sie wollen die Welt in ein Wir und Sie spalten. Bündnisse ist der IS nie eingegangen. Er sah und sieht sich als Avantgarde des wahren Islam, die nichts neben sich duldet. Er fantasiert einen Endkampf zwischen sich und dem Rest der Welt. Diesen Virus hat er mit einigem Erfolg bereits nach Afrika, Europa und Asien exportiert. Der religiöse Staat dürfte vorerst zu Gunsten der alten anarchistischen Losung in den Hintergrund rücken: Propaganda der Tat. Was dem IS dabei entgegenkommt, ist die Tatsache, dass die Ursachen seines Aufstiegs nicht ausgeräumt sind. Im Irak weigert sich das schiitisch dominierte Regime weiter standhaft, ernsthaft an der Integration der sunnitischen Muslime zu arbeiten. Im Kampf um Mossul werden Nachrichten über Folterung und Ermordung von Sunniten unterdrückt. Auch das Regime in Syrien will weiter die de facto alleinige Macht der Minderheit der Aleviten über die Sunniten aufrechterhalten. Autoritäre arabische Regime wie Ägypten oder Chaosstaaten wie Libyen sehen sich wieder gehätschelt – als Brandmauer gegen die Massenflucht nach Europa. Kurz: Alle Faktoren, die seit dem US-Krieg gegen Saddam Hussein das Entstehen des IS begünstigt haben, existieren weiter. Neben der militärischen Option haben alle kriegsführenden Kräfte der Region politisch nichts anzubieten.

 

Walter Brehm