«Das ist keine Grundlage des Islam»

Die Kopftuch- und Burkadebatte ist kein europäischer Streit. Die Auseinandersetzung mit islamistischen Tendenzen ist primär eine innerislamische Diskussion. Im Streit um den politischen Missbrauch religiöser Symbole hat Europa deshalb auch islamische Verbündete.

Walter Brehm
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Die Gesichtsverschleierung lehnen auch islamische Gelehrte ab. (Bild: ap/Bebeto Matthews)

Die Gesichtsverschleierung lehnen auch islamische Gelehrte ab. (Bild: ap/Bebeto Matthews)

Der Universitätscampus ist für vollverschleierte Studentinnen gesperrt. Einer Schülerin im Ganzkörperschleier wird befohlen, ihr Gesicht zu zeigen. Immer mehr Restaurants und Clubs verwehren Frauen den Einlass, wenn sie ihr Gesicht verhüllen.

Ist dies alles Ausfluss der immer emotionaler geführten Kopftuch- und Burkadebatte in Europa? Mitnichten. Nicht Paris, Berlin oder die Sarganserländer Gemeinde Bad Ragaz sind Ort dieser Verbote, sondern die ägyptische Hauptstadt Kairo. Zu tun haben die Massnahmen mit der europäischen Debatte aber sehr wohl.

«An Europa möchte ich die Botschaft schicken: Der Niqab (Ganzkörperschleier) ist keine Grundlage des Islam, er schadet vielmehr seinem Ansehen.»

Botschaft islamischer Autorität

Erstaunlich an dieser Mitteilung ist nicht nur der Absender. Abdel Muti al-Bayyumi ist Mitglied des Hohen Rates der Geistlichkeit an der Al-Azhar-Universität in Kairo. Aufsehenerregend ist vielmehr der Anlass der Botschaft.

Al Bayyumi sandte sie vergangene Woche an die französischen Senatoren, die gerade den Gesichtsschleier verboten hatten. Der ägyptische Geistliche ist kein isolierter Pionier islamischer Emanzipation. Er spricht im Namen von Sheikh Ahmed al-Tayeb, dem geistlichen Oberhaupt von Al-Azhar, der wichtigsten religiösen Instanz im sunnitischen Islam – und unterstützt von der ägyptischen Regierung.

Moslems gegen Islamisten

Doch es sind nicht nur die religiös und weltlich Mächtigen am Nil, die eine veritable islamische Schleierdebatte führen. In Syrien sind kürzlich 1200 Lehrerinnen, die den Niqab tragen, aus dem Schuldienst entlassen und auf Posten versetzt worden, wo sie keinen Kontakt mit Schulkindern haben.

Das Regime in Damaskus hat zudem angeordnet, dass Studentinnen, die auf einem Gesichtsschleier beharren, an syrischen Universitäten nicht mehr immatrikuliert werden.

«Der Niqab ist der syrischen Kultur fremd und Ausdruck einer ideologischen Invasion. Wir wollen die Ausbreitung extremer Ideen und Praktiken verhindern», erklärte dazu ein Sprecher des Bildungsministeriums. Syriens Bevölkerung besteht mehrheitlich aus Moslems sunnitischer, schiitischer und alewitischer Ausrichtung.

Selbst König Abdullah, Vertreter der strengen wahhabitischen Auslegung des Islam, hat die islamistische Gefahr – vor allem für seine Monarchie – erkannt.

In den vergangenen fünf Jahren sind in Saudi-Arabien Hunderte Lehrer wegen «extremer Ansichten» gekündigt und 2000 Imame wegen «radikaler Predigten» aus Moscheen entfernt worden.

Der eine Islam existiert nicht

Den Regierenden in Kairo, Damaskus und Riad geht es nicht um eine demokratische Liberalisierung ihrer Länder.

Aber ihr Vorgehen gegen islamistische Tendenzen zeigt zweierlei: Den Islam gibt es nicht und die Debatte über Religion wird auch in der islamischen Welt nicht mehr selbsternannten Gralshütern der «reinen Lehre» überlassen.

Immer mehr Moslems und auch offiziell säkulare Regierungen islamischer Staaten fühlen sich vom gesellschaftlichen Druck religiöser Extremisten herausgefordert, auch wenn die Herrschenden noch nicht erkannt haben, dass ihre mangelnde demokratische Legitimation einer der Gründe für den Erfolg der Islamisten ist.

Diese Entwicklung sollte auch in der Debatte über die «Gefahr der Islamisierung Europas» vermehrt berücksichtigt werden.

Auf den Rechtsstaat vertrauen

Ob ein moslemisches Mädchen das Kopftuch in der Schule freiwillig oder unter familiärem Druck trägt, ist schwer zu eruieren. Einer Schülerin das Kopftuch zu verbieten, kann auf den ersten Blick als Beschneidung der Religionsfreiheit gelesen werden.

Aber dass Turn- und Schwimmunterricht zum Lehrplan aller Schülerinnen und Schüler gehören, ist rechtlich gegeben und durchzusetzen. Und gegen die Gesichtsverschleierung, wenn sie denn überhaupt eine Rolle spielt, ist die geltende Gesetzgebung mit dem Vermummungsverbot Mittel genug.

Im Rechtsstaat ist Religion Privatsache.

Daraus ergibt sich, dass generelle vom Staat verordnete Kleidervorschriften ebenso tabu sind, wie es der Anspruch ist, aus religiösen Motiven demokratisch legitimierte Gesetze und Regeln missachten zu dürfen. Das Kopftuch auf der Strasse und im Bus ist auszuhalten, die Vermummung im Amt oder in der Schule nicht – das sollte für Kairo und Bad Ragaz gelten.