Kalifornien

Das High der Zukunft: Neue Trends aus dem Kifferparadies

Kalifornien kifft mittlerweile ganz legal. Der liberale Bundesstaat sieht sich als Vorreiter. Ein Rauchzeichen auch für die Schweiz?

Patrick Züst
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Vom Teufelskraut hat sich Marihuana in den vergangenen Jahren zum lukrativen Geschäft für seriöse Unternehmen entwickelt.

Vom Teufelskraut hat sich Marihuana in den vergangenen Jahren zum lukrativen Geschäft für seriöse Unternehmen entwickelt.

AFP/Getty Images

Er parkiert seinen weissen Toyota Prius am Strassenrand, steigt aus, sucht nach der Hausnummer und klopft dann zweimal ziemlich wuchtig gegen die Tür. «Dein Gras ist hier», ruft er, und zwar so laut, dass man es auch auf der anderen Strassenseite noch hört. Rafael ist Student, hat argentinische Wurzeln und einen imposanten Schnurrbart. Um sich sein Architektur-Studium zu finanzieren, liefert er zweimal pro Woche Marihuana-Bestellungen aus. Hier in Kalifornien ist das legal: «Einige meiner Kollegen arbeiten als Taxifahrer, andere als Pizzaboten. Ich mache eigentlich genau dasselbe – nur werde ich halt besser bezahlt», sagt er und grinst.

Keine zehn Minuten hat es gedauert, bis die 2,5 Gramm OG Haze Minis vom digitalen Warenkorb direkt vor die Haustür geliefert wurden. Es sei «richtig geiles Marihuana», hatte die Website versprochen: Man werde davon kreativ, euphorisch und fokussiert. Dass man davon high wird, das ist selbstverständlich. Der THC-Anteil liegt bei 17,36 Prozent; die durchschnittliche Nutzerbewertung bei 4,6 von 5 Sternen. Geliefert wird fast immer innerhalb einer Viertelstunde. «Das kostet dich 29 Dollar», sagt Rafael und tauscht dann Geld gegen Gras. Ein Drogendeal in Kalifornien – am frühen Nachmittag und auf offener Strasse. Hier, wo Gras legalisiert und der Handel damit digitalisiert wurde. Das ist zwar erlaubt, es fühlt sich aber ganz und gar nicht so an.

Die Lizenz zum Kiffen

Rafael arbeitet für das Start-up Eaze: ein Cannabis-Lieferdienst, der ähnlich wie Uber funktioniert und seinen Firmenwert innerhalb der vergangenen zwei Jahre fast verhundertfacht hat. Ein Lieferdienst, der aber betont, dass man nicht an Konsumenten, sondern an Patienten verkaufe. Denn im Moment bestellt man bei Eaze lediglich Marihuana zur medizinischen Nutzung – also jenes Gras, das in Kalifornien bereits seit 1996 erlaubt ist. Daran hat auch die kalifornische Legalisierung vor einem Monat nichts geändert: Obwohl man jetzt legal Cannabis besitzen und konsumieren kann – kaufen muss man es noch immer für die Gesundheit statt für den Genuss. Bis die ersten Lizenzen für den Verkauf von regulärem Marihuana an Händler vergeben werden, wird es nämlich noch über ein Jahr dauern.

Für eine Gras-Lieferung von Eaze benötigt man derzeit also noch eine medizinische Bestätigung, dass man auch wirklich aus gesundheitlichen Gründen auf den Stoff angewiesen ist; sozusagen die Lizenz zum Kiffen. Diese müsste man Lieferboten wie Rafael eigentlich zeigen, in der Praxis ist das bei Eaze aber fast nie notwendig. «Diese Lizenz ist doch sowieso nur noch pro forma», findet Rafael und winkt ab. Er hat recht: Den Kiffer-Ausweis kann man unterdessen bequem online bestellen, ohne je mit einem Arzt gesprochen zu haben. Cannabis war in Kalifornien schon lange vor der offiziellen Legalisierung quasi legal. Wer kiffen will, kann kiffen. Und diese Möglichkeit nutzen die Kalifornier auch: Anders als in der Schweiz wird Cannabis hier generationenübergreifend und mit noch mehr Selbstverständlichkeit konsumiert.

Wo sind die Blumen?

Gras ist ein Geschäft. In den vergangenen Jahren hat sich Cannabis zur am schnellsten wachsenden Industrie der USA entwickelt; ein neuer Markt ohne grosse Player und mit riesigem Potenzial. Das zumindest sagen die Männer mit teuren Anzügen und gegelten Frisuren, die sich am vergangenen Dienstag im 14. Stock eines verlästerten Hochhauses trafen. Dort, mitten im SoMa-Distrikt in San Francisco, präsentierten sich an diesem Abend zehn vielversprechende Cannabis-Start-ups den versammelten Investoren. Sie alle werden vom Accelerator Cannopy betreut – dem ersten Förderprogramm, das ausschliesslich mit Marihuana-Firmen zusammenarbeitet. Wer hier ist, erhofft sich einen Teil der 8 Milliarden Dollar, die derzeit im legalen Cannabis-Markt stecken sollen. In den nächsten drei Jahren rechnet man damit, dass daraus über 20 Milliarden werden.

Die Stimmung an der Präsentation ist professionell: Bei den Diskussionen über Budgetrechnungen und Wachstumskurven bleibt für Blumen im Haar und Reggae-Musik keine Zeit. Ähnlich wie beim Uber-Klon Eaze gibt es auch hier viele Start-ups, die bewährte Firmenmodelle auf die Cannabis-Branche übertragen wollen: Man entwickelt ein soziales Netzwerk für Kiffer, einen digitalen Marihuana-Marktplatz und ein exklusives Gutscheinportal.

Originell sind beispielsweise die Bongs, also die handlichen Wasserpfeifen, die direkt aus dem 3-D-Drucker kommen und individuell gestaltet werden können. Oder dann der intelligente Tisch von «A Peak Beyond», der im Cannabis-Shop automatisch erkennt, welche Gras-Sorte der Kunde gerade anschaut, und dann die passenden Informationen dazu anzeigt.

Kalifornien gilt seit Jahrzehnten als Kiffer-Mekka. Das medizinische Marihuana ist hier schon lange problemlos erhältlich.

Kalifornien gilt seit Jahrzehnten als Kiffer-Mekka. Das medizinische Marihuana ist hier schon lange problemlos erhältlich.

FlickrVision

Einer, der den Cannabis-Markt schon früh als lukrativ erkannt hat, ist der Amerikaner Mark Williams. Er hat als Design-Manager eine steile Karriere im Apple-Konzern hingelegt, war zwischenzeitlich gar direkt Steve Jobs unterstellt. Das hat er dann aber alles hinter sich gelassen, um ein Kiffer-Start-up zu gründen – auch wenn er seine Firma natürlich nie so nennen würde: «Firefly ist ein Technologieunternehmen», erzählt er und spricht dabei so deutlich wie möglich. «Man kann unser Produkt natürlich für den Cannabis-Konsum nutzen, das ist aber nicht unser einziger Markt.»

Williams hat einen Vaporizer entwickelt, also ein Gerät, das Substanzen unter extrem hohen Temperaturen verdampfen lässt. Wie so oft im Silicon Valley ist auch dieses Produkt in einer Garage entstanden, wird unterdessen aber in die ganze Welt exportiert.

Der Nebel hat Gras-Geruch

Die fortlaufende Legalisierung von Cannabis sei für ihn persönlich zwar lukrativ, erzählt Williams, davon profitieren könne aber die ganze Welt: «Es ist wichtig, dass Marihuana entstigmatisiert wird, dass man offen über das Highsein reden kann.» Williams hat einen differenzierten Blick auf die Cannabis-Industrie. Lange sei es unseriöses Geld gewesen, das man damit verdient habe, «heute ist das zum Glück anders». So wie er werden in den kommenden Jahren viele Unternehmer auf den Marihuana-Zug aufspringen.

Denn der Nebel, der stets über San Francisco hängt, der hat Gras-Geruch. Das war schon so, als in den 60er-Jahren die Hippies mit Blumen im Haar und Joint im Mundwinkel nach Kalifornien pilgerten. Das ist auch heute noch so, wenn die persönliche Cannabis-Ration bequem per App bestellt und nach Hause geliefert wird. Marihuana ist in aller Munde – und alle schauen nach Kalifornien, um einen Einblick zu erhalten, wie man es in Zukunft konsumieren wird.