Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Das vergessene Grauen

Das Wissen über den Holocaust an den Roma aus Bessarabien im Zweiten Weltkrieg ist nicht weit verbreitet. Die noch ­wenigen Überlebenden fristen heute am Rande der Gesellschaft eine karge Existenz.
André Widmer, Chisinau
Ein Deutscher Beamter befragt an einem unbekannten Ort in Osteuropa im Jahr 1938 eine ältere Roma-Frau vor ihrer Deportation nach Polen. Bild: Getty

Ein Deutscher Beamter befragt an einem unbekannten Ort in Osteuropa im Jahr 1938 eine ältere Roma-Frau vor ihrer Deportation nach Polen. Bild: Getty

«Sie haben uns nach Cioresti gebracht und von dort mit Karren und dann in Eisenbahnwaggons ... ohne Wasser, ohne Essen, sie haben uns nicht mal ein bisschen Wasser gegeben ... Ein kleines Kind hat sich nass gemacht, und die Mutter hat schnell ihre Hände hochgehalten ... und das Pipi vom Kind getrunken...», erzählt Alexandra Bogdan von der Deportation.

Alexandra Bogdan sitzt auf dem Bett in ihrem Haus in Vulcanesti, einer Siedlung bei Cioresti im Westen Moldawiens. Die 97-Jährige ist noch eine der wenigen heutigen Überlebenden der Tausenden von Roma, die während des Zweiten Weltkrieges von der rumänischen Besatzungsmacht in Arbeits- und Todeslager in der heutigen Ukraine deportiert wurden. «Sie haben uns in Waggons zum Bug gebracht. Wo sie uns gelassen haben, war es verboten, durch das Wasser auf die andere Seite zu gehen ... Dort haben sie einen grossen Ofen gebaut. Und die Leute sind gestorben von Hunger und Durst. Sie haben die Toten auf Karren geladen und nachher in den Ofen geworfen und im Feuer verbrannt.»

Alexandra Bogdan schildert Fragmente aus ihrer Lebensgeschichte, den dunkelsten Kapiteln. Von einem Übergriff auf eine Frau und wie sie sich selber davor geschützt hat, indem sie sich Kohleschwärze auf den Leib und die Haare geschmiert hat. «Ich habe mich wie eine nicht normale Person verhalten ... und Gesten gemacht wie eine Irre ...»

Marschall Ion Antonescu – der faschistische Diktator

Der Holocaust an den Roma aus Moldawien und Rumänien fristet in der Geschichtsschreibung ein Schattendasein. Sehr wohl ist bekannt, dass neben den Millionen von Juden in den Konzentrationslagern Nazideutschlands neben Menschen mit Behinderungen und Homosexuellen auch Zehntausende Sinti und Roma ermordet wurden, in erster Linie im Konzentrationslager Auschwitz. Doch auch im Südosten Europas wütete ein faschistisches Regime, das mit Deutschland kollaborierte: dasjenige des damaligen rumänischen Ministerpräsidenten und Marschalls Ion Antonescu. Unter dem Diktator trat Rumänien 1941 an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen die Sowjetunion ein. Die Rumänen besetzten die Moldawische SSR und Teile der Südwestukraine. Rumänien sollte ethnisch gesäubert werden.

Nach Transnistrien (das rumänische Gouvernement, nicht zu verwechseln mit dem heutigen, gleichnamigen und kleineren Gebiet) an den südlichen Bug, einen Fluss in der Ukraine, deportierten sie diejenigen Juden und Roma aus Rumänien sowie dem rumänisch besetzten Bessarabien und der südlichen Bukowina, die nicht schon zuvor Massakern zum Opfer gefallen waren. Rund 175 Orte mit Arbeitslagern und Ghettos existierten.

Wohl gegen 400 000 Juden wurden ermordet. Die Deportation von nahezu 25000 Roma nach Transnistrien wurde von den rumänischen Faschisten offiziell registriert. «Viele von ihnen wurden Opfer systematischer Erschiessungen insbesondere durch die deutschen Einsatzgruppen, die Mehrzahl fiel allerdings den mörderischen Bedingungen zum Opfer, welche die rumänischen Behörden in den Ghettos geschaffen hatten», heisst es im Erinnerungsprojekt «Genocide against Roma – remember to resist» des Bildungswerks für Friedensarbeit in Berlin.

Ion Duminica, Leiter der Abteilung für ethnische Minderheiten an der Akademie der Wissenschaften in Chisinau, geht davon aus, das weniger als die Hälfte der deportierten Roma die Arbeits- und Todeslager in Transnistrien überlebt haben. Erst 1944 hatte der Schrecken ein Ende: Als die Front und damit die Russen näher kamen, konnten diejenigen Romas, die überlebt haben, wieder in ihre Dörfer zurückkehren.

Lebensmittel und Kohle als Unterstützung

Die genaue Anzahl der Roma in Moldawien, die den Holocaust überlebt haben und heute noch am Leben sind, ist schwierig zu eruieren. Nur wenige verfügen über Dokumente, welche deren Aufenthalt in einem der Todes- und Arbeitslager bezeugen. Und nur wenige Organisationen kümmern sich heute in Moldawien um die Überlebenden, so «Tarna Rom» und das «Centrul National Al Romilor», jeweils mit Unterstützung der deutschen Stiftung «Erinnerung Verantwortung Zukunft», EVZ. Die Organisation «Tarna Rom» beispielsweise unterstützt derzeit 77 Personen, das «Centrul National Al Romilor» registrierte per Ende 2017 die Zahl von 268 Überlebenden, kann aber nur rund 100 unterstützen – das Budget ist begrenzt.

Freiwillige helfen mit. Die betroffenen Roma werden so zusätzlich mit Lebensmittelpaketen, Medikamenten, Hygieneartikeln und auch Heizkohle versorgt. Vom moldawischen Staat erhalten die Opfer bis auf wenige Ausnahmen neben der durchschnittlichen monatlichen Rente von lediglich zwischen 100 und 300 Lei – das sind 6 bis 18 Euro – fast keine Unterstützung. Die wenigsten haben Dokumente, die ihre Deportation während des Zweiten Weltkrieges belegen; viele waren davor auch Nomaden, umherziehende Roma. Wie Marin Alla, Präsident von «Tarna Rom», erklärt, wird nun versucht, dass innerhalb der Roma-Community in Moldawien diejenigen, die es sich leisten können, die Notleidenden mit Lebensmittelpaketen unterstützen.

Luca Arapu (88) hat die Deportation überlebt. Bild: André Widmer.

Luca Arapu (88) hat die Deportation überlebt. Bild: André Widmer.

Die Siedlung Vulcanesti bei Ciorasti in Moldawien ist zu über 80 Prozent von Romas bewohnt. Wie Alexandra Bogdan lebt auch der hochbetagte Luca Arapu (88) dort. Um das von ihm allein bewohnte Haus wuchert die Natur, im Haus sind nur wenige Möbel zu sehen, er fristet eine karge Existenz. Seine Frau ist vor 20 Jahren gestorben. Arapau hört nicht gut, und so müssen die Fragen beinahe geschrien werden. Auch seine Schilderungen sind fragmentiert, dennoch ebenso erschütternd: «... Aber die Rumänen haben uns zu Boden gebracht, und wir mussten 25 Peitschenschläge am Po erleiden ... Wenn du gestanden bist, haben sie dich noch mehr geschlagen ...», erinnert er sich. «Wir hatten so viele Läuse, dass man eine Handvoll nehmen konnte, wenn man mit der Hand durch die Kleider oder das Haar gestrichen hat ...»

Auf einer Kolchose mussten die Internierten Zwangsarbeit verrichten. Im Lager gab es Etagenbetten. «Es waren Etagenbetten, ich war unten, und von oben sind die Läuse von Nachbarn auf mich gefallen ... unter mir das Gleiche, der Nachbar unten hat meine Läuse gegessen, wir haben viele Läuse gegessen ... Andere haben ihr Kind zerschnitten und gegessen ... Ja, wenn es tot war ... Sie sind im Sommer des Jahres 1942 gekommen. Im Lager sind die Leute gestorben, jede Nacht 50 bis 60 ... Sie haben die Karren mit Pferden gebracht, um die toten Leute mit Gabeln auf die Karren zu laden. Sie sind zum Rande des Waldes gegangen, die Leute zu verbrennen ...» Luca Arapu war damals erst 12 Jahre alt. Den Rumänen wünscht er noch heute die Hölle.

Ein zweites Mal Opfer

In der moldawischen Hauptstadt Chisinau wurde in einem Park im Viertel Alte Post im Jahre 2003 ein Denkmal zu Ehren der Holocaust-Opfer der Romas errichtet, aber schon nach wenigen Monaten von Unbekannten zerstört. Im Haus der Nationalitäten besteht eine Ausstellung zum Holocaust. In einem Nebenzimmer wird auch über das Schicksal der Romas informiert. Erst 2016 hat Moldawien den 2004 veröffentlichten Bericht der Elie-Wiesel-Kommission zum Holocaust in Rumänien anerkannt und verfügt seit kurzem über einen Aktionsplan zur Holocaust-Erinnerung.

Von den rund drei Millionen Moldawiern – das Land leidet aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation unter Abwanderung – waren 2014 gemäss Volkszählung 9323 Personen romastämmig. Laut einem Expertenteam zuhanden des Europarates dürfte die Anzahl aber ein Mehrfaches davon sein. Experte Ion Duminica befasst sich stark mit den Roma und deren Geschichte. Er bestätigt, dass in der Sowjetzeit keine derartige Erinnerungskultur gepflegt wurde. «Es waren Helden wie die Soldaten gefragt, nicht Opfer», so Duminica. Auch heute ist das Wissen über den Holocaust und dessen Opfer aus Moldawien nicht weit verbreitet in der Gesellschaft, auch nicht über das heutige Schicksal der letzten lebenden Zeitzeugen der Roma. So würden sie ein zweites Mal zu Opfern, meint Ion Duminica.

Hinweis: Übersetzungen: Corina Inglin-Gaman

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.