Das «Gewissen der Nation» wird 80

Japans Kaiserin Michiko feiert heute ihren 80. Geburtstag. Sie blickt auf ein Leben «voller Kummer und Angst» zurück. Aber auch auf eines, in dem sie Japan und das starre Hofprotokoll zu ändern vermochte.

Inna Hartwich
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Kaiser Akihito wurde im letzten Dezember 80, heute feiert seine Frau Michiko den runden Geburtstag. (Bild: ap/Katsumi Kasahara)

Kaiser Akihito wurde im letzten Dezember 80, heute feiert seine Frau Michiko den runden Geburtstag. (Bild: ap/Katsumi Kasahara)

TOKIO. Wofür eine Tarnkappe doch gut wäre! Schnell überziehen, und los ginge es – um die dicken Palastmauern herum, hinaus zum Tor, hinein in eine Buchhandlung mitten im pulsierenden, quirligen Tokio. Ein Traum, den Kaiserin Michiko auch noch träumte, als sie bereits über 70 Jahre alt war und seit mehr als 20 Jahren auf dem japanischen Thron. In einer der seltenen Pressekonferenzen vor einigen Jahren erzählte sie leise von ihrer Sehnsucht nach einer solchen Tarnkappe. Diese Stücke aber, das weiss auch die ergraute Kaiserin, gibt es nur in Fantasy-Geschichten, nicht in der adeligen Welt des Protokolls.

Reiche Kaufmannstochter

Michiko Shoda, die reiche Kaufmannstochter, hatte sich dieser im Alter von 24 Jahren verschrieben, als sie – still und in zwölf Lagen Seidenkimono gepackt – neben dem damaligen japanischen Kronprinzen Akihito stand und mit einem geweihten Sake die Ehe besiegelte. Unauflöslich. Es war vorbei mit dem Schlendern durch die Stadt, vorbei mit dem Verweilen in den Buchläden. Ein Leben «voller Kummer und Angst» begann, wie sie einst sagte. Am heutigen Montag feiert Michiko ihren 80. Geburtstag und blickt auf eine nervenaufreibende Zeit zurück, in der sie Japans Hof aber zusammen mit ihrem Mann menschlich machte.

Bei Tennispartie getroffen

Als älteste Tochter eines Unternehmerehepaares kommt Michiko Shoda am 20. Oktober 1934 zur Welt. Sie geniesst eine ausgezeichnete Ausbildung, spricht bereits als Kind Englisch, da Hausmädchen aus Grossbritannien sie unterrichten. Später studiert sie Englische Literatur in Tokio, besucht auch Kurse in Harvard und Oxford. Bei einer Tennispartie in Karuizawa nahe Nagano trifft sie zum ersten Mal auf den japanischen Kronprinzen.

Es wird Jahre dauern, bis Akihito erst die katholische Michiko und dann seine Eltern von einer Heirat überzeugt. Eine Bürgerliche in der ältesten Monarchie der Welt? Niemals, sagt seine Mutter Nagako, und macht Michiko das Leben zur Hölle. Denn diese, so schimpft die Kaiserin, nehme der Tenno-Familie – immerhin seit 660 vor unserer Zeit gottgleich – die Würde.

Michiko und Akihito heiraten dennoch. Das Volk verfolgt im April 1959, vor dem Fernsehen und auf den Strassen Tokios, gebannt die als «Märchenhochzeit» inszenierte Feier. Bereits im Februar 1960 schenkt Michiko Japan einen Thronfolger, später bekommt das Paar noch einen Sohn und eine Tochter. Die Kinder wachsen zusammen mit den Eltern auf, nicht wie früher bei Ammen und Lehrern. Ein wahrer «Micchi-Boom» bricht aus, als bekannt wird, dass Michiko ihr Baby gar selbst stillt. Die Medien schreiben von einem neuen Wind in Japans Monarchie. Akihito und Michiko gelten als Symbol für die Modernisierung und Demokratisierung im Land.

Für Michiko aber sind das harte Jahre. Bereits 1963 erleidet sie einen Nervenzusammenbruch, 1993 – da ist sie seit drei Jahren Kaiserin von Japan – folgt der nächste. Für Monate hört sie auf zu sprechen. Ihr Leben im goldenen Käfig raubt ihr Kraft und Lebensfreude. «Ich war immer traurig, mein Herz zerbrach.» Den Palast darf sie nur nach Erlaubnis verlassen, dreimal am Tag muss sie ihren Kimono wechseln, stets drei Schritte hinter dem Kaiser laufen. So verlangt es das Protokoll. Es dauert Jahrzehnte, bis es gelockert wird.

Beliebt beim Volk

Das Volk aber liebt die Monarchin. Sie engagiert sich für Kinder, reist mit ihrem Mann in die Katastrophengebiete, spricht den Menschen Mut zu. «Gewissen der Nation» nennen sie manche Japaner. Michiko und Akihito sind das Gegenbild zu den als schmutzig und bestechlich geltenden Politikern. Ein ideales Paar einer schöneren und besseren Welt. Einer Welt wohl, wie sie nur mit dem Aufsetzen einer Tarnkappe zu erblicken ist.

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