Das Geschäft mit Verschleppten

Das syrische Regime verdient laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mit Informationen über verschleppte Oppositionelle Millionen.

Michael Wrase
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LIMASSOL/DAMASKUS. Die höchsten Gewinnspannen in der organisierten Kriminalität garantiert neben dem Drogenschmuggel und Waffenhandel der Menschenhandel.

Bis zu 15 000 US-Dollar müssen Syrer an Schlepper für die Flucht ins sichere Deutschland bezahlen. Noch höhere Profite lassen sich nach Erkenntnissen von Amnesty International in Syrien selbst mit dem Verkauf von Informationen über Vermisste erzielen.

58 000 verschleppte Zivilisten

Deren Zahl ist gewaltig: 58 000 Zivilisten wurden vom syrischen Regime in den vergangenen vier Jahren verschleppt.

Da Informationen über ihr Schicksal von Polizei und den Geheimdiensten systematisch zurückgehalten werden, müssen Verwandte Mittelsmänner einschalten, um Auskünfte über ihre Angehörigen zu erhalten. Das grausame Geschäfte mit der Hoffnung sei inzwischen so lukrativ, dass es in jedem Viertel der syrischen Grossstädte Dutzende von sogenannten Gewährsleuten gebe, die gegen viel Geld Informationen anbieten, weiss der syrische Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni Al.

150 000 Dollar für nichts

Die «Honorare» müssten von den Mittelsmännern mit Schergen des Regimes geteilt werden. Denn nur sie haben den direkten Zugang zu Gefängnissen und Internierungslagern. «Dort werden die Entführten meist in überfüllten Zellen unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten», heisst es in dem 70 Seiten langen Amnesty-Bericht, in dem die Gefangenenhilfsorganisation den «heimtückischen Schwarzmarkt für Informationen über Vermisste» in den Mittelpunkt stellt.

Demnach zahlte der Syrer Hakim al-Saleh 30000 US-Dollar, um Informationen über seinen verschleppten Bruder zu erhalten. «Wir verkauften unser Land, um diesen Mann zu bezahlen», sagte Al Saleh im Gespräch mit Amnesty. Ein anderer Syrer, der seinen Namen aus verständlichen Gründen nicht nennen wollte, zahlte sogar 150 000 US-Dollar an diverse Mittelsmänner. Auskünfte über den Verbleib seiner drei Brüder erhielt er aber bisher nicht.

«Angriff auf Zivilbevölkerung»

Die systematische Verschleppung von Zivilisten und deren zynische Vermarktung sind für Philip Luther, Nahost-Beauftragten von Amnesty International, «Teil eines von der Regierung organisierten Angriffs auf die Zivilbevölkerung». Dieser sei so breit und systematisch angelegt, dass es sich «um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt». Mit Informationen über Zivilisten, die sie selbst entführt haben, verdienen auch die meisten Rebellengruppen und der IS Millionen.

Das Geschäft ist inzwischen zu einem wichtigen Teil der syrischen Kriegswirtschaft geworden. Es ist in erster Linie auch die Angst vor einer Entführung, die viele Syrer in die Flucht treibt.