Das Geschäft mit dem Elend

Die EU will, neben humanitären Massnahmen, den Kampf gegen die Organisatoren der Massenflucht aus Afrika ins Zentrum rücken. Die aber stützen sich mehr als Europas Politiker auf die Ursachen des Elends.

Walter Brehm
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Dicht gedrängt, aber lebend. Afrikanische Bootsflüchtlinge nach ihrer Ankunft im Hafen von Salerno. (Bild: ap/Francesco Pecoraro)

Dicht gedrängt, aber lebend. Afrikanische Bootsflüchtlinge nach ihrer Ankunft im Hafen von Salerno. (Bild: ap/Francesco Pecoraro)

Das Geschäft mit dem Elend blüht – vor allem in Westafrika. Und die Geschäftemacher haben wenig Interesse daran, dass in Europa genau nach den Ursachen der Massenflucht aus Afrika und damit nach ihrer Geschäftsgrundlage gefragt wird.

In den vergangenen 25 Jahren hat sich Afrikas Bevölkerung von etwa 500 Millionen auf nahezu eine Milliarde Menschen verdoppelt. Zwar wachsen seit einigen Jahren fast alle Volkswirtschaften Afrikas. Sie wachsen – aber nicht schnell genug, um allen Menschen eine lebenswerte Perspektive bieten zu können. Um bestehende Armut reduzieren zu können, müsste das Wirtschaftswachstum etwa doppelt so hoch sein wie das Bevölkerungswachstum. In den meisten afrikanischen Ländern liegt ersteres aber nur zwischen vier und fünf Prozent, während die Bevölkerung deutlich über drei Prozent wächst.

Zweiklassengesellschaft des Elends

Fakt ist, heute sind bereits 41 Prozent der afrikanischen Bevölkerung jünger als 15 Jahre und mindestens die Hälfte von ihnen ist ohne Aussicht auf eine Ausbildung oder einen Job. Da ist Auswandern in eine noch so ungesicherte Zukunft eine echte Alternative.

Längst nicht alle, die Afrika aus Kriegselend oder aus wirtschaftlicher Not den Rücken kehren, müssen dies auf lebensgefährlichen Routen tun. Wer es sich leisten kann, flüchtet mit dem Flugzeug. Dazu braucht es zwar ein Schengen-Visum, eine Einladung aus dem Zielland, ein Rückflug-Ticket, eine Hotel-Reservierung und einen Kontoauszug, der genügende Finanzkraft ausweist. All das aber kann man in zumeist westafrikanischen Hauptstädten kaufen. Die Profiteure aber sitzen nicht zwingend in Afrika. In Europa – etwa in Frankreich – haben sich auf Schlepperdienste spezialisierte Syndikate etabliert. Sie bieten das ganze Paket notwendiger Unterlagen an und «helfen» so für bis zu 10 000 Euro vor allem Migranten aus frankophonen afrikanischen Ländern. Diese Syndikate kontrollieren in Europa oft auch die «grauen» Arbeitsmärkte. Diese Stafette macht dann auch die bessergestellten Flüchtlinge zu abhängigen Arbeitssklaven.

Das mehrheitlich arme Fussvolk unter den afrikanischen Flüchtlingen aber muss sich mit Boots-Passagen – nicht nur via Libyen – über das Mittelmeer behelfen. Aus Ghana ist eine solche Passage zum ebenfalls nicht gerade günstigen Preis von 3500 bis 5000 Dollar zu haben. Bei einem westafrikanischen Durchschnittseinkommen von etwa 75 Dollar im Monat ist das der Gegenwert von mindestens vier Jahren Arbeit. Ganze Grossfamilien verschulden sich in der Hoffnung, einer der ihren werde sie bald mit Überweisungen aus Europa unterstützen. Die Weltbank schätzt, dass afrikanische Migranten, die sich in Europa oder den USA mit einem Job einigermassen etablieren konnten, jährlich zwischen vier bis sechs Milliarden Franken in ihre Heimatländer überweisen. In dieser Grössenordnung bewegt sich etwa das Bruttoinlandprodukt von Burkina Faso, einem der ärmsten Länder Westafrikas.

Lukrativ wie Waffen und Drogen

Dafür nehmen dann die ausgewählten Klanmitglieder die oft schon nicht ungefährlichen Landwege zu den Anlaufstellen ihrer Passage in Libyen, Algerien oder Tunesien in Kauf.

Wer alles an diesem ebenfalls gut organisierten Menschenschmuggel verdient, ist ein weites Feld der Spekulation – es reicht von regional organisierten Banden und korrupten Staatsbeamten über Jihad-Terroristen bis in die organisierte Kriminalität in Europa – etwa Mafiafamilien, die private Flüchtlingsunterkünfte betreiben und sich dies vom italienische Staat vergüten lassen.

Europa wird sich auf lange Zeit darauf einstellen müssen, dass echtes Elend auf der einen und Profitgier – auch europäische – auf der anderen Seite die Massenflucht schüren. Es geht um sehr viel Geld. Nach Schätzung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) beläuft sich der Umsatz des organisierten Menschenschmuggels weltweit auf jährlich zwischen sieben und zwölf Milliarden Dollar. Nur Drogen- und Waffenhandel sind lukrativer.