Das Gedenken und das Verdrängen

Am 8. und 9. Mai wird in Ost und West des Sieges über Nazideutschland vor 70 Jahren gedacht. Wurde nach 1945 Vergessen und Verdrängen im Kalten Krieg als Staatsräson geduldet, wird die Geschichte heute hüben wie drüben politisch instrumentalisiert, statt zum politischen Dialog zur Lösung aktueller Krisen genutzt. Von Walter Brehm

Drucken
Teilen
US-Soldaten und Rotarmisten treffen sich am 26. April 1945 auf der Elbebrücke bei der Stadt Torgau. (Bild: ky/Allan Jackson)

US-Soldaten und Rotarmisten treffen sich am 26. April 1945 auf der Elbebrücke bei der Stadt Torgau. (Bild: ky/Allan Jackson)

Grosse Emotionen – und unterschiedliche. Die Stunde null; nichts geht mehr. Niederlage und Scham oder Befreiung und Freude. Die Stimmungslage der deutschen Bevölkerung war ambivalent Und die Sieger konnten sich nicht einmal über das Datum für das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa einigen.

Am 7. Mai 1945 kapitulierte in Reims der deutsche Generaloberst Alfred Jodl. Das aber konnte die Sowjetunion nicht akzeptieren. Eine Kapitulation nur vor den Westalliierten USA, Grossbritannien und Frankreich wollte Moskau nur als Teilkapitulation ansehen. So wie sie von Wehrmachts- und SS-Kommandanten zuvor an anderen Frontabschnitten, etwa in Italien, vollzogen worden war.

Um den Anteil der Roten Armee am Sieg über Nazideutschland zu würdigen, wurde eine zweite Kapitulations-Zeremonie für den 8. Mai in Berlin angesetzt. Hier sollten auch der sowjetische Oberkommandierende Marschall Georgi Schukow und der Chef der deutschen Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, ihre Unterschrift unter das Dokument setzen. Doch es kam zu einer Verzögerung, da die russische Übersetzung nicht rechtzeitig vorlag. Diese wurde offiziell erst eine Minute nach Mitternacht unterzeichnet – also am 9. Mai.

Bei aller Termin-Streiterei – der Zweite Weltkrieg war so oder so nur in Europa beendet. Im Pazifikkrieg gegen Japan wurde bis zum Atombombenabwurf der Amerikaner auf Hiroshima und Nagasaki gekämpft. Die Kapitulation des Kaiserreichs erfolgt dann erst am 2. September 1945.

Doch in Europa war das Hauptziel der alliierten Streitkräfte in den ersten Maitagen erreicht: Hitler war tot, sein völkermörderisches Regime, das sogenannte Dritte Reich, war besiegt. In Moskau, London, New York und Paris feierten Hunderttausende Menschen den Victory Day.

In Deutschland aber feierten nur wenige. Vor allem im Osten des geschlagenen Nazireiches zogen sich endlose Flüchtlingstrecks durch Ostpreussen, Schlesien und Pommern. Eine Massenflucht – hie und da aus Scham über das deutsche Wüten in Osteuropa und in der Sowjetunion, aber vor allem aus Furcht vor der sowjetischen Vergeltung. Am Ende waren 12 Millionen Reichsdeutsche aus ihrer Heimat geflohen.

Doch das Elend, das damals viele Deutsche nur als ihr eigenes erkennen wollten, erstreckte sich über ganz Europa. In den vormals von den Nazis besetzten Ländern herrschte Not und Verzweiflung. Von den Niederlanden bis in die Ukraine, von Norwegen bis Griechenland hatten zig Millionen Menschen ihr Zuhause verloren, hungerten Menschen in Kriegsruinen, suchten vermisste Familienmitglieder, hofften Frauen, Mütter und Schwestern, ihre Männer, Söhne und Brüder hätten als Soldaten den Krieg überlebt. Das einzige, was es im Frühling 1945 in Europa im Überfluss gab, waren Schreckensbilder und traumatische Erinnerungen.

Doch vor allem in Deutschland kam schnell ein kollektiver Wunsch auf: möglichst schnell vergessen – oder zumindest verdrängen. Zum Beispiel, dass ein Attentat einiger hoher Offiziere um Graf Schenk von Stauffenberg auf Adolf Hitler noch im Juli 1944 von den meisten «Volksgenossen» als Verrat angesehen worden war. Bei vielen die Frucht von echtem Fanatismus, bei den meisten Folge von zwölf Jahren Nazipropaganda.

Es dauerte bis 1985, bis zum 40. Jahrestag der deutsche Kapitulation, dass ein Staatsoberhaupt der bereits 1949 gegründeten westdeutschen Bundesrepublik seinen Landsleuten klipp und klar erklärte: «Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden Gewaltsystem des Nationalsozialismus. Wir Deutschen dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.» Das waren die lange nicht gehörten Worte, mit denen der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker seinen Mitbürgern 1985 erklärt hatte, was historisch geschuldeter Dank an die Siegermächte und was historische Schuld am Zweiten Weltkrieg bedeutete: Die Wahrheit anerkennen, auch wenn sie 1945 von den Siegermächten ebenfalls anders gesehen wurde. Denn die Alliierten aus Ost und West waren damals nicht nach Europa und Deutschland gekommen, um die Deutschen oder die Italiener zu befreien, sondern um die Welt vom Terror des Nationalsozialismus und des Faschismus zu befreien. Nach der deutschen Kapitulation galten in den vier Besatzungszonen der Alliierten die vier «D» – Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung. Vor allem für die Ostdeutschen kam ein fünftes «D» hinzu – Demontage, mit der sich die Sowjetunion in der späteren DDR für die Kriegsschäden revanchierte.

Die Denazifizierung fand jedoch nach den Kriegsverbrechertribunalen gegen die Überlebenden der Naziführung in Nürnberg ein schnelles Ende. Im Osten, weil der aufzubauende Arbeiter- und Bauernstaat keine alten Nazis kennen durfte. Im Westen, weil im aufflammenden Kalten Krieg, im Ringen der Systeme zwischen Kommunismus und Kapitalismus auch alte Nazis der zweiten Garde zu Verbündeten wurden.

Verdrängen und Abwiegeln der Kriegsschuld und des Holocausts an Europas Juden wurde aus unterschiedlichen Motiven in Ost- und Westdeutschland Staatsräson und von den Siegermächten aus ebenso unterschiedlichen Motiven hingenommen. Der britische Kriegspremier Winston Churchill nutzte im März das Wort vom Eisernen Vorhang, um die neue Spaltung der Welt und die Suche nach neuen Freunden auf den Punkt zu bringen. Es war derselbe Begriff, der nur zwölf Monate zuvor Hitlers Propagandaminister als Durchhalteparole im Krieg gegen die bolschewistischen Untermenschen benutzt hatte.

Das Verdrängen historischer Wahrheit oder deren Zurechtbiegung, wenn es politische Opportunität scheinbar verlangen, hat bis heute Konjunktur. 70 Jahre nach dem Sieg über Nazideutschland wird das Gedenken daran hüben wie drüben instrumentalisiert. Moskau meint seine Aggression gegen die Ukraine mit einem «neuen Faschismus» legitimieren zu können. Und der Westen nutzt Putins Geschichtsklitterung, um Russland auch am Victory Day zu isolieren – einem Datum, das beiden Seiten vor allem eines auferlegen müsste: ihr Versprechen «Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus» im politischen Dialog zur Krisenlösung ohne Gewalt wieder aufzunehmen.

walter.brehm@tagblatt.ch

Häftlinge des KZ Dachau bei München jubeln Ende April 1945 ihren alliierten Befreiern zu. (Bild: getty/Horace Abrahams)

Häftlinge des KZ Dachau bei München jubeln Ende April 1945 ihren alliierten Befreiern zu. (Bild: getty/Horace Abrahams)

Zwei ausgebombte ältere deutsche Zivilisten im April 1945 im Zentrum von Berlin. (Bild: ky/Yevgeny Khaldei)

Zwei ausgebombte ältere deutsche Zivilisten im April 1945 im Zentrum von Berlin. (Bild: ky/Yevgeny Khaldei)

Angeklagte Kriegsverbrecher: Hermann Göring, Rudolf Hess, Joachim Von Ribbentrop, Wilhelm Keitel (v. l.). (Bild: getty)

Angeklagte Kriegsverbrecher: Hermann Göring, Rudolf Hess, Joachim Von Ribbentrop, Wilhelm Keitel (v. l.). (Bild: getty)

Aktuelle Nachrichten